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Haltung, bitte!

Smart vor Gott

Aus: Ausgabe 02/2014

„In der vergangenen Ausgabe von Christ&Welt haben Sie sich für die Weihnachtschristen eingesetzt, die nur an den hohen Feiertagen in die Kirche kommen. Gut so, habe ich gedacht. Die Kirchen sollen offen für alle sein. Doch wie gehe ich mit Banknachbarn um, die während des Gottesdienstes ständig auf ihren Smartphones daddeln, elektronische Post erledigen oder während der Predigt den Wetterbericht studieren?“ Albert H., Berlin

„Wir bitten Sie höflich, Ihre Mobiltelefone auszuschalten. Schreiben Sie keine Kurznachrichten, lesen Sie keine elektronischen Zeitungen, twittern Sie nicht, checken Sie nicht Ihre Facebook-Seite. Schenken Sie dem Geschehen auf der Bühne volle Aufmerksamkeit. Sie werden es genießen!“ Diese Durchsage hören die Besucher eines berühmten Opernhauses in Berlin jedes Mal, bevor sich der Vorhang öffnet.

Offenbar ist diese Regieanweisung fürs Publikum in bildungsbürgerlichen Milieus nötig geworden. Während die einen noch schmunzeln oder zu kulturkritischem Stöhnen und Ächzen anheben, fingern die anderen schon in den Jacketts wie Kinder, die man dabei ertappt hat, wie sie Mäuse und Frösche im Theaterraum aussetzen.

Aber es hilft. Die Opernabende verlaufen unbehelligt von Piepstönen und, abgesehen von gelegentlichen Schnarchgeräuschen, ungestört. Vielleicht ist es an der Zeit, auch vor Gottesdiensten zu solchen Durchsagen zu greifen. Oder mit den Kollektenkörben alle Mobiltelefone einsammeln zu lassen. Eigentlich ist diese Art Volkserziehung ein Armutsbeweis. Meistens sind es ja keine tolldreisten Jugendlichen, sondern Menschen, die sich was auf ihre Kultiviertheit einbilden, die von den kleinen Maschinchen nicht lassen können. Ob Opernhaus, Kirche oder Café, die Ausweitung der Privatzone ist mindestens ebenso lästig wie öffentliches Nasebohren.

Tun Sie Ihren daddelnden Mitmenschen doch etwas Gutes, tippen Sie ihnen auf die Schulter und flüstern Sie streng, dass sich so was in einer Kirche nicht gehört. Nicht nur, weil das dauernde Daddeln Arthritis in den Daumen fördert und andere bei der Andacht stört, sondern vor allem, weil die Geräte Aufmerksamkeitsvernichter sind. Mag sein, dass der eine oder andere Banknachbar sich vor dem Moment der Stille sogar fürchtet. Helfen Sie ihm, teilen Sie mit ihm den Liederzettel oder das Gesangbuch.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
keine