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Haltung, bitte!

Skandalöse Botschaft

Aus: Ausgabe 01/2014

„Vor ein paar Tagen habe ich irgendwo gelesen: ,Krippe ohne Kreuz ist Kitsch.‘ Mich ärgerte diese Weihnachtsseligkeit, in der keine Rede von dem schweren Weg des Jesuskindes ist. Wären die Christvespern nicht eine gute Gelegenheit gewesen, in den vollen Kirchen mehr davon zu reden, dass der Gottessohn für unsere Sünden sterben musste, anstatt zum Dienstleister für Gemütlichkeit zu werden? Vielleicht wären dann weniger gekommen, aber die meinen es ernst.“ Wilfried A., Plettenberg

Nichts für ungut, aber woher wissen Sie eigentlich, dass die Menschen, die es in der Heiligen Nacht in die Kirchen zieht, nur eine Dienstleistung für Gemütlichkeit erwarteten? Das Genörgel über das Weihnachtschristentum, das sich nur einmal im Jahr in der Gemeinde sehen lässt, hat lange Tradition. Es klingt fromm, ist aber überheblich. Die Christvesper eignet sich nicht zur Publikumsbeschimpfung. Genauso wenig, wie sie zum kulturkritischen Rundumschlag gegen die nicht mehr ganz so christlichen Zeitgenossen genutzt werden sollte. Die Botschaft von Weihnachten ist skandalös genug. Und überwältigend. Dass Gott sich in einem Menschen zeigt, hat ja etwas zutiefst Beunruhigendes. Die Philosophen des Abendlandes haben das immer gespürt. Wenn Gott den Menschen so nahe kommt, bleibt nichts und niemand davon unberührt. Es sei denn, dieser Mensch ist in Gedanken ganz woanders. Zum Beispiel bei der unchristlichen Frage, ob der Nachbar in der Kirchenbank, der die Lieder nicht kennt, aus den richtigen Motiven in der Christvesper sitzt. Natürlich ist im Anfang Jesu auch schon sein schreckliches Ende angelegt. Aber abgesehen davon, dass diese Geschichte ja am Kreuz nicht endet, gilt auch für die Weihnachtsgottesdienste: Alles hat seine Zeit. Es muss nicht das ganze Kirchenjahr in eine Stunde gestopft werden. Vergessen Sie doch für ein paar Stunden Ihr Misstrauen gegenüber denen, die sonst nicht in die Kirche kommen. Überlassen Sie die Motivforschung dem, der alle Herzen kennt. Vertrauen Sie sich der Botschaft von Weihnachten an. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Hirten und Könige, Kirchengemeinderatsvorsteher und alleinerziehende Mütter, Banker und der Alte, der nachts auf der Bank schlafen muss, alle sind gemeint. Für alle ist Platz unter dem Herrnhuter Stern. Das ist mehr als genug. Der funkelnde Weihnachtsbaum im Altarraum verdeckt das Kreuz immer nur halb.

 

Erschienen in:
Ausgabe 01/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch