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Haltung, bitte!

Sing mit!

Aus: Ausgabe 24/2013

„Ich habe einen 17-jährigen Sohn mit Downsyndrom, der sehr gerne und gut singt. Deshalb habe ich beim Leiter unserer Kirchenkantorei angefragt, ob er dort mitsingen könnte. Der Musiker meinte, mein Sohn solle in einen Behindertenchor gehen. Wie sehen Sie das?“ Friederike F., bei Frankfurt/M.

Jeder ist irgendwie anders. Das anzuerkennen und die Menschen nicht nach dem bewährten Schubladensystem zu sortieren ist die Herausforderung der Inklusion. Ein technisches Wort, in dem vor allem eine Haltungsänderung steckt. Menschen können viel mehr zusammen machen, wenn sie sich nur trauen und die Bedingungen stimmen: Geduld, ein Blick für die je eigenen Stärken und Schwächen und professionelle Begleitung. Kinder können zusammen lernen und Menschen mit Vergnügen am Singen können zusammen singen, auch mit Downsyndrom oder ohne linkes Bein.

Das Kriterium für den Einstieg in die Kantorei ist die musikalische Eignung und der Spaß an der Musik. In so manchem Chor singen Menschen aus anderen Motiven. Mit dünnen Stimmen, Brummbass oder 30-jährigem Gewohnheitsplatz in der ersten Reihe. Ich habe ein paar Experten gefragt, erfahrene Chor- und Musikpädagogen. Die waren sich einig, dass auch die anderen Chormitglieder davon profitieren können, wenn jemand mitsingt, der eher nach Gehör als nach Noten singt. Vielleicht muss der Chorleiter ein paar Dinge anders machen.

Vielleicht muss er mit anderen Methoden an neue Stücke gehen. Viele Menschen mit Downsyndrom können mit hoher Musikalität und bemerkenswertem Gedächtnis große Partituren auswendig lernen. Von dieser Fähigkeit kann der ganze Chor profitieren. Die Beteiligung Ihres Sohnes könnte sogar ein heilsamer Schock für die Singgemeinschaft sein, die des Übens und Trainierens oft müde geworden ist.

Lassen Sie sich nicht beirren. Sprechen Sie mit dem Musikus. Vielleicht hat er Angst vor der neuen Situation. Oder er hat Sorge, etwas falsch zu machen. Fürchtet er die Ablehnung der anderen Sängerinnen und Sänger? Helfen Sie ihm. Begleiten Sie Ihren Sohn zur Probe. Oft schwinden Vorbehalte nach der ersten gemeinsamen Erfahrung.

Erschienen in:
Ausgabe 24/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Familie, Ethik, Lebensstil