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Haltung, bitte!

Siezgelegenheit

Aus: Ausgabe 42/2012

„Vor ein paar Tagen hat mir ein älterer Bekannter auf einer Feier das Du angeboten. Ich war sehr überrascht und fühle mich nun unwohl dabei. Wir laufen uns beruflich immer wieder über den Weg, aber ich kenne ihn nicht gut und möchte ihn, ehrlich gesagt, auch gar nicht besser kennenlernen. Kann ich ihn weiter Siezen?" Heike O., Lingen

Ach, waren das Zeiten, als Kinder ihre Eltern mit „Herr Vater“ und „Frau Mutter“ anredeten. Ein Zeichen des Respekts und des Altersunterschieds, das in unseren Ohren distanziert und herzlos klingt. Das Du war ein Ausdruck besonderer Intimität und wurde nur sehr selten verschenkt. Die Konventionen waren klar. Das Sie war kein Ausdruck der Distanz, sondern umgekehrt das Du Zeichen einer außergewöhnlichen Nähe.

Später, in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts, schien sich plötzlich jeder mit dem Vornamen anzureden. „Hey, Gabi, kannst du mir die Schleife zubinden?“, riefen da schon die Fünfjährigen, wenn die Mutter gefragt war. Dem Du konnte keiner entgehen, ob er oder sie wollte oder nicht. Es war Ausdruck eines Zeitgeistes, der gegen Hierarchien und Gefühlsabstände auf sprachliche Gleichheit setzte. Die Autoritätsfixierung in der deutschen Sprache sollte weg. Allerdings verschleiert das freundschaftliche Du schnell äußere Machtverhältnisse oder innere Reserven. Deshalb hat sich das Sie schnell wieder eingeschlichen. Aber die Dinge sind kompliziert geworden. Es gibt kaum noch klare Verhältnisse. Im Grunde sollte es möglich sein, freundlich „Nein danke“ zu sagen, wenn einem das Du angeboten wird. Ärger lässt sich damit aber nicht immer vermeiden. Das Heikle in den konventionsarmen Zeiten ist ja, dass es nichts mehr gibt, was „man“ tut.

Die Regeln müssen im Moment der Begegnung erst erfunden werden. Jetzt gibt es den Zwang des Authentischen. Das ist ein Diktat eigener Art, das die kränkt, die andere Gesetze haben. Natürlich können Sie einfach ins Sie zurückfallen, wenn Sie den Bekannten das nächste Mal sehen. Vielleicht fällt es ihm gar nicht auf. Wenn er Sie an das Du erinnert, bitten Sie ihn freundlich, aber herzlich, beim Sie bleiben zu dürfen. Vielleicht gelingt es Ihnen ja, das so herzlich zu vermitteln, dass Ihr Gegenüber ohne größere Blessuren zur alten Höflichkeitsform zurückfindet.

Erschienen in:
Ausgabe 42/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Lebensstil