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Haltung, bitte!

Shorts zum Sonntag

Aus: Ausgabe 29/2013

„Warum macht sich eigentlich für den Gottesdienst niemand mehr fein? Zu meiner Zeit war das die Gelegenheit, sich schön anzuziehen. Am letzten Sonntag fanden sich in meiner Gemeinde junge Frauen in kurzen Shorts ein, und selbst im Chor kommen ältere Herren in Jeanshosen und Sandalen. Ich bin gar nicht auf Äußerlichkeiten fixiert, aber wäre es Gott gegenüber nicht angemessener, wenn der ehrfürchtige Charakter des Gottesdienstes auch durch die Kleidung betont würde?“ Margarete S., Meinerzhagen

Kann man Gott im verwaschenen T-Shirt dienen? Glaubt er unseren Liedern auch in ausgelatschten Schuhen? Solange er das Herz ansieht, ist der Stoff auf der Haut für den, um den es im Singen und Beten geht, kein Problem. Freuen Sie sich doch, dass noch junge Frauen in den Gottesdienst kommen. Und im Chor gibt es offensichtlich Männerstimmen. Das ist nicht überall so. Trotzdem will ich mich nicht vorschnell auf die Seite der Shortsträgerinnen schlagen. Ich bin sicher, dass die jungen Damen vor dem ersten Date stundenlang ihren Kleiderschrank durchwühlen, um das schönste Outfit zu finden. Dass wir am Sonntagmorgen in die Hose schlüpfen, die gerade zur Hand ist, um es wenigstens noch zum Orgelvorspiel zu schaffen, ist auch eine Aussage. Denn das, was wir am Körper tragen, sendet Botschaften aus.

Der Unterschied von Alltag und Sonntag verwischt immer mehr. Das Wort „Sonntagsstaat“ gibt es nicht mehr. Das „gute Kleid“, das meine Großmutter für Festgottesdienste aufhob, hängt bei mir auf keinem Bügel. Kleiderordnungen gibt es auch nicht mehr im Theater oder in der Oper. Hier tragen die einen Ballkleider, die anderen kommen in Turnschuhen. Das heißt auch: keine ziependen Strümpfe, keine Schuhe, in denen das Laufen zur Qual wird. Keine Verkleidung, die Konventionen folgt. Das ist Ausdruck einer großen Freiheit. Doch die hat bekanntlich einen Preis.

Der Glamour und die feierliche Stimmung, die da entstehen, wo Menschen das Schönste am Körper tragen, was sie besitzen, ist einer großen Lässigkeit gewichen. Aber wenn es stimmt, dass Kleidung den Anlass spiegelt, würde es dann und wann durchaus helfen, am Sonntagmorgen ins Lieblingskleid zu schlüpfen, statt zur gewohnten Jeans zu greifen. Festliche Kleidung stimmt uns ein, sie verwandelt unsere Körperhaltung. Das hat auch Folgen für die innere Haltung. Bei Männern wie bei Frauen.

Erschienen in:
Ausgabe 29/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Kultur, Lebensstil