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Haltung, bitte!

Seiten der Sehnsucht

Aus: Ausgabe 23/2014

Was halten Sie von „geschönten“ Tagebüchern? Meine Mutter schrieb ihr Leben auf, und meine Kinder haben große Sehnsucht nach Wurzeln. Ich kann aber kaum ertragen, dass die Autorin unserer Familiengeschichte so viel Schmerzliches einfach auslässt. Soll ich die Tagebücher der nächsten Generation anvertrauen oder nicht? Martin A., Berlin

Wer ist der Hüter der Wahrheit über die Geschichte, der Weltgeschichte wie der Lebensgeschichte? Das ist schwerer zu beantworten, als es scheint, und sicher kein Alibi für gezielten oder unterlaufenen Betrug. Doch schon die vermeintlich eindeutigen Ereignisse der Welt entfesseln so manchen Historikerstreit. In Familienbiografien ist das nicht anders. Tagebücher sind persönliche Zeugnisse, die nicht nur etwas offenbaren, sondern auch etwas verschweigen. Sie sind Orte der Erinnerung – und deshalb auch Orte bewussten oder unbewussten Weglassens und Verdrängens. Zwar gelten sie als verborgene Stellen für die ganze Wahrheit, den ganzen Schmerz und die ganze Wucht der Gefühle. Im Grunde ist jeder Tagebucheintrag ein Erzählversuch, in den sich Wünsche und persönliche Deutungen mischen. Manchmal dienen die Einträge der Korrektur am wirklichen Leben. Das Tagebuch wird so zum Medium einer großen Sehnsucht. Vielleicht hat Ihre Mutter dem Tagebuch nur anvertraut, was sie sich selber eingestehen oder ertragen konnte. Die Feder ist dann wie ein Halte?stab für äußerliche Begebenheiten, um nicht von den eigenen Gefühlen weggeschwemmt zu werden. Vieles, was ungesagt blieb, steckt noch zwischen den Worten. Manchmal ist der Schmerz so groß, das Familiengeheimnis so schuld- und schambesetzt, dass das Schreiben hilft, das eigene Selbstbild aufzurichten. Oder die Familienehre.

Geben Sie die Tagebücher Ihren Kindern. Und vermitteln Sie ihnen das Gefühl, etwas Kostbares in den Händen zu halten – die Erzählung Ihrer Großmutter. Bestimmt wollen Ihre Kinder dann auch Ihre Wahrheit hören. Treten Sie nur nicht als Zensor auf, der in die Lücken auf dem Tagebuchpapier mit Vorwürfen tritt. Eher schon wie ein Zeuge, mit eigenen Erinnerungen, eigenem Schmerz und der eigenen Verklärung.

Erschienen in:
Ausgabe 23/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch