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Haltung, bitte!

Seien Sie gerne reich!

Aus: Ausgabe 43/2011

„Seit einigen Monaten bin ich reich, weil ich sehr viel geerbt habe. Leider ist das durch einen Artikel in der Lokalzeitung publik geworden. Seitdem kann ich mich vor Bittbriefen und Anfragen nicht retten. Neulich sagte eine Freundin, die weiß, wie unbehaglich mir in meiner neuen Lebenssituation ist, zu mir: „Eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich.“ Am liebsten würde ich mich verkriechen. Was soll ich tun?“

Mit Verlaub, Ihre Freundin ist ein Kamel. Sie hat nicht verstanden, in welche Lage Sie der Reichtum bringt, von dem alle wissen. Das Erbe droht zur Bürde zu werden. Dabei sollte sie Luftsprünge machen und der Rest der Welt auch, weil es nichts Besseres gibt als Reiche, die mit so vielen Skrupeln und Nachdenklichkeit ausgestattet sind wie Sie. Für Menschen, die noch vom großen Geld träumen, sind diese Skrupel schwer verständlich. Zu verlockend ist das Spiel der Gedanken, das lautet: „Was ich mache, wenn ich einmal reich bin“. Wenn es jemand anderen erwischt, ist Neid genauso wenig zu verhindern wie ein Übermaß an Erwartungen in der Umgebung, mit diesem Reichtum das eigene Lebensunglück zu lindern oder für die eigene gute Sache einzufordern. Nicht einmal Freundschaft schützt vor diesem Gift des Nichtgönnenkönnens. Gewinnen Sie die Hoheit über Ihr Leben zurück. Machen Sie Ihren Freunden deutlich, dass Sie sich in Ruhe überlegen wollen, was Sie mit dem Geld machen. Beziehen Sie sie in die Überlegungen ein, wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihre Freunde es gut mit Ihnen meinen. Und signalisieren Sie Ihrer ferneren Umgebung das Gleiche. Es kann sein, dass Sie weiter mit Unverständnis rechnen müssen. Den einen werden Sie zu großzügig und den anderen zu geizig sein, für die Dritten setzen Sie mit Ihrem Geld die falschen Prioritäten. Damit werden Sie leben müssen. Natürlich können Sie das ganze Geld verschenken. Auch dann wird Ihr Leben nicht wie früher sein. Denn dann sind Sie die reiche Frau, die ihr Vermögen verschenkt hat. Fragen Sie sich stattdessen, was Ihnen selbst so wichtig ist, dass Sie es nun tun können. Welchen Mangel möchten Sie beheben, welche Initiative ist Ihnen wichtig? Woran hängt Ihr Herz? Nehmen Sie Ihr Erbe an: als Gabe und als Aufgabe.

Erschienen in:
Ausgabe 43/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik