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Haltung, bitte!

WC und Würde

Aus: Ausgabe 44/2011

„In dem evangelischen Altersheim, in dem meine Mutter vor ein paar Jahren eingezogen ist, herrscht Personalmangel. Ungelernte Praktikanten tun dort Dienst und geben sich redlich Mühe. Doch oft gehen ihnen die Nerven durch, weil sie nicht verstehen, dass es ihren Kunden nicht egal ist, ob das Essen später kommt oder sie auf den Toilettengang länger als üblich warten müssen. Der menschliche Umgang leidet dabei. Sollte in einem christlichen Altersheim nicht darauf besonders Wert gelegt werden?“

Die Menschenwürde muss sich auf der Toilette bewähren, hat mal ein galliger Philosoph gesagt. Er wollte zeigen, dass die Würde und das christliche Menschenbild in Sonntagsreden und auf Plakaten leicht zu beschwören und in den heiklen Zonen am Ende des Lebens leicht zu beschädigen ist.

Würde auf dem Klo? Das ist nur auf den ersten Blick eine Provokation, denn wenig ist für alte Menschen so demütigend, wie zu spät zur Toilette geschoben zu werden. Und wer sich nur für drei Minuten vorstellt, er säße ans Bett gefesselt in seinem Zimmer und man habe ihn und sein Abendbrot vergessen, ahnt, wie verletzlich die Würde im Alter ist. Deshalb steckt die Liebe im Detail. In der Verlässlichkeit alltäglicher Rituale, in den Gesten der Aufmerksamkeit und in den beiläufigen Berührungen. Ja, in einem christlichen Altersheim sollte besonderer Wert auf diese vermeintlichen Kleinigkeiten gelegt werden. Doch die Ökonomisierung des Alters macht auch vor kirchlichen Einrichtungen nicht halt. Sie selbst sprechen von den alten Menschen als „Kunden“. Unsere Sprache verrät uns! Personalengpässe sind mittlerweile die Regel und Praktikanten mit ihren Aufgaben oft überfordert. Missstände werden schnell mit dem Hinweis auf die knappen Ressourcen abgetan, man „könne ja nicht so, wie man wolle“. Das stimmt sogar. Gehen Sie trotzdem mit Ihren Erfahrungen zur Heimleitung und stellen Sie dort die gleiche Frage. Fragen Sie andere Betroffene, wie sie die Betreuung erleben. Wenn Sie sicher sind, dass Ihre Mutter schlecht behandelt wird, dann müssen Sie das nicht hinnehmen, denn es gibt auch unter dem enormen Druck finanzieller Engpässe besser und schlechter geführte Heime.

Was Sie erleben, hat aber auch eine gesellschaftliche Dimension, über die wir uns alle klar werden sollten. Würde im Alter ist nämlich nicht billig zu haben.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin des Buches „Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur
für Christen“. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie Dr. Petra Bahr. Leserpost bitte an: Christ & Welt, Heinrich-Brüning-Straße 9, 53113 Bonn. Stichwort „Haltung“. E-Mail:
haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 44/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch