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Haltung, bitte!

Seelsorge hat Grenzen

Aus: Ausgabe 32/2011

„Seit ich halbwegs erwachsen bin, erzählen mir viele Menschen in meinem Umfeld von ihren Problem und Krisen. Ich komme mir aber manchmal wie der Seelenmülleimer meiner Umgebung vor. Ein unchristlicher Gedanke, aber um mich sorgt sich niemand. Was soll ich tun?“

Sie sind offenbar ein Naturtalent. Was viele Profis in langen Jahren der Ausbildung lernen, liegt Ihnen im Blut: Sie können zuhören, Sie können sich ganz auf Ihr Gegenüber konzentrieren und das Häufchen Elend vor Ihnen im richtigen Moment in den Arm nehmen. Vermutlich können Sie auch Fragen stellen, die vorher gar nicht benennbar waren. Manchmal schubsen Sie einen Ihrer krisengeschüttelten Mitmenschen vielleicht auch unsanft in die richtige Richtung: „Raus aus dem Selbstmitleid!“ Dann und wann haben Sie sogar einen guten Rat, der einen Trampelpfad durch eine ausweglose Situation bahnt. Was für ein Glück für Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihre Kollegen, Ihre Nachbarn. Doch leider gewöhnt man sich schnell an dieses Glück und denkt nicht darüber nach, dass auch Sie einmal schlechte Tage haben. Die Rollen, die Menschen einnehmen, werden nicht nur durch Persönlichkeit und Talente geprägt, sondern auch durch Gewohnheit und eingeschliffene Erwartungen. Ihre Rolle ist die der Seelsorgerin, die immer vom anderen her denkt. Sprechen Sie den unchristlichen Gedanken ruhig mal aus, wenn Ihnen eine Freundin zum zehnten Mal das Ohr abkaut mit Ihrer gescheiterten Beziehung. Machen Sie ihr klar, dass Sie heute keine Kraft für ihre Geschichte haben. Bitten Sie sie selbst um ein Ohr, wenn es Sie bekümmert, dass alle Sie auf Ihre Fähigkeit reduzieren, die Probleme anderer Leute zu handhaben. Freundschaft und Zuneigung leben davon, dass die Starken auch einmal schwach sein dürfen. Professionelle Seelsorger lernen das übrigens. Denn auch eine elastische Seele, die einiges an fremden Gewichten aufnehmen kann, ist irgendwann überdehnt und platzt aus allen Nähten. Deshalb müssen Seelsorger auch auf die eigene Seele achten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, lautet das zentrale biblische Gebot. Für die meisten Menschen liegt die Pointe im zweiten Teil des Satzes. Sie sollten sich den ersten Teil zu Herzen nehmen!

Erschienen in:
Ausgabe 32/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik