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Haltung, bitte!

Seelenfäden spinnen

Aus: Ausgabe 29/2011

„Darf ich mich als Großmutter in das Leben meiner Kinder einmischen und mit ihnen über die Taufe meines Enkels reden? Mir bedeutet es viel, in der Kirche zu sein. Diesen ,Seelenfaden‘ möchte ich gerne an meinen Enkel weitergeben, aber mein Sohn und meine Schwiegertochter sind beide keine Kirchgänger.“

„Na, ist der Kleine denn schon getauft?“ So hätte vor Jahrzehnten noch die Nachbarin auf der Straße gefragt. Das hat sich geändert. Fragen der Religion sind heute intimer als Sex. Eigentlich seltsam, wo doch das Verhältnis der Generationen auf der Oberfläche durch schonungslose Offenheit geprägt ist. Außerdem sind die Medien voll mit Themen zur Religion. Aber da ist es die Religion der anderen. Über die Seelenfäden zu reden, die einen selbst binden und verbinden, ist da schon schwerer. In so einem Gespräch geht es ja um die eigene Religion, um den eigenen verletzbaren, tausendmal befragten Glauben. Andererseits heißt das nicht, dass Ihre Kinder sich mit der Frage der Taufe nicht auseinandersetzen, weil sie keine Kirchgänger sind. Religiöse Seelenfäden verlaufen auch in modernen Elternbeziehungen oft unsichtbar. Deshalb kann Ihre Frage ein Anstoß sein, über das zu reden, was unbesprochen bleibt. Es kommt dabei auf den Ton an. Ohne Vorwurf, ohne Drängelei, aber mit der Neugier einer überglücklichen Großmutter, die diese unsichtbare Verbindung mit dem Enkelkindchen wünscht, sollten Sie sogar fragen. Es muss nur deutlich werden, dass in dieser Frage ein Stück Ihres Seelenlebens offenliegt und keine Konvention, ein Wunsch, keine Erwartung.

Wann haben Sie zuletzt mit Sohn und Schwiegertochter über das gesprochen, was Ihnen Halt im Leben und im Sterben gibt? Weisen die beiden die Tauffrage zurück, heißt das noch lange nicht, dass der Faden des Glaubens für Ihren Enkel abgeschnitten bleibt.

Der Glaube der Großeltern hat schon viele Menschen geprägt. Sie sind oft Grund und Anlass für die Neugier auf das Christentum. Erzählen Sie ihm davon, lesen Sie ihm aus der alten Kinderbibel vor, nehmen Sie ihn mit in die Kirche, diesen Raum des Unverfügbaren, für den Kinder feine Antennen haben. Am Ende entscheidet sowieso der Enkel selbst.

Erschienen in:
Ausgabe 29/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Familie