Der Atheist, der was vermisst
Schwere, leichte Jahre
Aus: Ausgabe 06/2012
Der Mensch denkt, Gott lenkt. Dieser Satz fehlt mir.

Ihre Tante ist Tierärztin, und sie hat schon oft in der Praxis ausgeholfen, nun will meine Jüngste Tierärztin werden. Eigentlich. Aber, sagt sie, das sei doch ein Zufall mit der Tierarzttante, und: „Ich will das nicht dem Zufall überlassen, das ist mir zu wichtig.“ – „Wem willst du es dann überlassen?“, frage ich. Wer sollte das vernünftig austarieren: die Begabungen, Neigungen, charakterlichen Konditionen, die elterlichen, die schulischen Einflüsse, das gesamtgesellschaftliche Umfeld – und aus alledem die richtige berufliche Entscheidung treffen? Jeder ist seines Glückes Schmied – was für ein Donnerwort, was für eine Verantwortung als „Macher“ der eigenen Biografie, wenn man zum Beispiel als junger Mensch vor der Berufswahl steht.
Keines meiner acht Kinder wusste nach dem Abitur einen konkreten Berufswunsch zu nennen. Sie haben sich ein Jahr dafür Zeit genommen, um in der Welt außerhalb der Schule anzukommen, abgeschnitten von den Fäden, an denen sie immerhin 13 Lebensjahre gehangen hatten: Reisen, Praktika, Au-pair-Stellen, Freiwilliges Soziales Jahr? … Und nach diesem Jahr, o Wunder, wussten sie plötzlich, dass und was sie studieren wollen. Die Kinder machten in dieser Zwischenzeit keinen ängstlichen Eindruck. Sie trafen sich oft mit Gleichaltrigen und hatten die wirklich wichtigen Gespräche wohl mit ihnen, nicht mit mir. Vielleicht hatte ich deshalb jedes Mal Angst: Was sollte werden, wenn sie diese wichtigen Jahre verbummelten, diese unwiederbringlichen Jahre, in denen man so viel Kraft und Zuversicht und Mut, aber eben auch Gelassenheit hat wie nie mehr im Leben. Jahre, in denen alles leicht ist, auch das Schwerste.
Nicht sie, ich hatte Angst, dass sie ihr Leben verpfuschen durch eine falsche Entscheidung in diesen wunderbaren frühen Jahren. Ein Glaube könnte mich vertrauen lassen in die Lebenswege meiner Kinder und mir die Angst nehmen vor ihrer und meiner Verantwortung als „Macher“ von etwas, was wir gar nicht „machen“ können. Mir fehlt dieser uralte Satz: „Der Mensch denkt, Gott lenkt“. „Bestimmung“, „Berufung“, das sind Wörter, die aus der Mode gekommen sind, aber doch einmal ganz alltagstauglich waren.
Ich hab mich nie eingemischt, nur versucht, sie in ihrer Suche mit Argumenten auszustatten und sie zu bestärken, wenn sie eine Entscheidung getroffen hatten. Aber Angst hatte ich immer. Und nie hatte ich das, was man landläufig ein Gottvertrauen nennt.





