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Haltung, bitte!

Schweigen ist fatal!

Aus: Ausgabe 42/2011

„25 Jahre lang habe ich in meiner Firma meine Arbeit gewissenhaft und zur Zufriedenheit des Arbeitgebers erledigt. Letzten Herbst wurde mein Betrieb liquidiert. Ich bin 58 Jahre, alleinstehend, ohne Freundeskreis und komme mit meiner Arbeitslosigkeit nicht klar...

...Nun hat mir auch noch meine 86-jährige Mutter, die ich alle zwei Wochen besuche, den Vorwurf gemacht, es läge nur an mir, dass ich keine Arbeit bekäme, und ich sei eben seit meiner Kindheit ein Versager. Darauf habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen. Seit sechs Monaten reden wir kein Wort miteinander, weil wir beide Sturköpfe sind. Was soll ich tun? Wenn ich den ersten Schritt mache, werde ich gleich wieder beleidigt, und das ertrage ich nicht!“

Wenn Sie 23 Jahre alt wären, könnte ein halbes Jahr Funkstille die erhitzten Gemüter von Mutter und Sohn vielleicht abkühlen. Aber zwischen Ihnen haben sich offensichtlich jahrzehntelang Verletzungen aufgehäuft. Diese giftige Masse brennt in Krisen wie Zunder. Ich gebe zu, dass die Reaktion Ihrer Mutter auf Ihre Arbeitslosigkeit nicht besonders mütterlich ist. Auf den ersten Blick ist es geradezu schockierend, das eigene Kind in einer Notlage zu beleidigen, statt es aufzumuntern. Aber vielleicht ist die alte Dame schlicht überfordert von Ihrer Hilflosigkeit. Vielleicht liegen ihre Nerven blank, weil sie weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit mit Ihnen bleibt. Oder Sie fühlt sich sogar klammheimlich verantwortlich dafür, dass Ihr Leben nicht so gelaufen ist, wie sie es sich wünschte. Sich das einzugestehen ist schwer. Da ist es schon leichter, den anderen zu beschimpfen. Oder haben Sie miteinander gar keinen Umgangston kultiviert, in dem Traurigkeit und Überforderung einen angemessenen Ausdruck finden? Offenbar hatten Sie lange nur Ihre Arbeit und Ihre Mutter. Ist diese enge Bindung vielleicht sogar schuld an Ihrer sozialen Isolation? Manchmal sind zwei verbitterte Menschen so aneinander gekettet, dass einer um sich schlägt, um ein wenig Luft zu bekommen. Wie es auch sei: Aber machen Sie sich klar, dass Ihre Mutter auf die 90 zugeht. Ein monatelanges Schweigen aus Trotz können Sie sich nicht leisten. Wie wird es Ihnen erst gehen, wenn Ihre Mutter so unversöhnt stirbt? Das Maß der Kränkung weist darauf hin, dass Sie Ihre Mutter lieben. Überwinden Sie Ihren Stolz, muten Sie der alten Dame Ihre Gefühle zu, damit sie das Unglück mit Ihnen teilen kann. Nur so können Sie die letzten Jahre in Frieden miteinander verbringen. Diese Klärung hilft vielleicht auch zur Freundschaft mit anderen Menschen.

Erschienen in:
Ausgabe 42/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie