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Haltung, bitte!

Schwarm ohne Moral

Aus: Ausgabe 22/2012

„Vor Kurzem ging vor mir auf der Straße ein Jugendlicher. Ich konnte sehen, wie ihm etwas aus der Tasche fiel. Ich habe gerufen, aber er hat nicht gehört. Als ich näher kam, sah ich, dass es ein 50-Euro-Schein war. Ich bin dem jungen Mann hinterhergerannt. Vergeblich. Was soll ich mit dem Geld machen?“ Gernot P., Hilden

Heute habe ich interessehalber mal die Schwarmintelligenz gefragt, also jene Masse von anonymen Stimmen, die zu Ihrer Frage im Internet zu Tausenden eine Meinung verkünden. Ich wollte wissen, ob es auch so etwas wie Schwarmmoral gibt. Bei 50 Euro ist die Schwelle der Übereinstimmung überschritten. Unter dieser Summe würden es alle behalten. Ab 50 Euro gibt es eine winzige Minderheit, die findet, so viel Geld gehöre ins Fundbüro. Wichtiger Einwand der Netz-Moralisten: Da könnte ja jeder vorbeigehen und probehalber fragen: „Krieg ich meine 50, 100, 500 Euro zurück, die mir neulich aus der Tasche gefallen sind?“ Denn leider stehen ja auf Scheinen, anders als auf Kreditkarten, Ausweisen und was sonst so in Geldbörsen verstaut ist, keine Namen und Adressen. Für die Mehrheit derer, die ihre Findermoral im Internet eingestellt haben, sind Sie aber schon viel zu anständig, weil Sie erst gerufen haben und dann noch hinterhergelaufen sind. So viel Engagement für einen Unbekannten finden manche nachgerade verstörend.

Wie gut, dass es noch Menschen wie Sie gibt, die sich auch gegen den Strom bewegen. Bei diesem Manöver werden Haltungsfragen ja eigentlich erst akut. Der Jugendliche scheint allerdings recht fahrlässig mit seinem Geld umgegangen zu sein. Vielleicht war sein Gehörgang mit cooler Musik verstopft. Die kommt heute bekanntlich aus den kleinen weißen Stöpseln, mit denen man sich die Mitwelt erfolgreich vom Hals halten kann. Manchmal lohnt es sich aber doch, mit offenen Ohren durch die Welt zu gehen. Der Spruch ist zwar schon ziemlich angegraut, aber leider immer noch wahr: Aus Schaden wird man (manchmal) klug. Über das Geld freut sich sicher ein soziales Projekt in Ihrer Nähe, das sich um junge Leute kümmert, die von 50 Euro in der Tasche nur träumen können.


Erschienen in:
Ausgabe 22/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik, Lebensstil