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Haltung, bitte!

Schwäche beweisen!

Aus: Ausgabe 45/2011

„Der Kirchenvorstand will die Prüfung der Vikarin mit einem Sektempfang feiern. Nun hat die Vikarin mir anvertraut, dass sie alkoholkrank ist. Ich habe ihr geraten, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, denn sie werde noch oft zu Feiern mit Alkohol eingeladen. Aber sie meint, dass sie dazu nicht die Kraft hat...

...Daher habe ich mich dafür eingesetzt, dass der Empfang ohne Alkohol stattfindet. Der Kirchenvorstand hat nun beschlossen, dass auch Getränke ohne Alkohol angeboten werden. Aber Sekt müsse auf jeden Fall sein, um mit der Vikarin anzustoßen. Ich fürchte das Schlimmste.“

Sie fürchten mit Recht das Schlimmste. Vielleicht mag der Vikarin bei dem Gemeindeempfang noch eine Ausflucht gelingen. Sie stößt mit dem Glas Sekt an, aus dem sie nicht trinkt, und wechselt klammheimlich zum Orangensaft. Viele Alkoholkranke sind Meister im Vertuschen. Die Heimlichtuerei gehört zur Sucht wie die Flasche. Nun sind Empfänge zum Glück meistens unübersichtliche Veranstaltungen. Deshalb muss diese Party nicht zur Katastrophe führen. Doch wie will die angehende Pastorin sich vollen Herzens über die bestandene Prüfung freuen, wenn jeder Geburtstagsbesuch bei einem künftigen Gemeindeglied zu einer neuen Prüfung wird? Und was macht sie, wenn sie mit einer Gemeinde Abendmahl feiert, in der noch gegorener Traubensaft in den Kelch gegossen wird? Helfen Sie der jungen Frau aus dem Zwang zur Heimlichtuerei heraus. Die Alkoholkrankheit ist chronisch, das Versteckspiel muss es nicht sein. Was wäre das für ein Zeichen, wenn eine Geistliche offen mit ihrer großen Schwäche umgeht, eine, die weiß, was es bedeutet, sich helfen lassen zu müssen. Zu einer Sucht zu stehen ist schwer, vielleicht zu schwer für einen einzigen Menschen. Der Gesichtsverlust, die Scham, das Getuschel derer, die finden, ihre Pfarrer müssten die Perfektion an den Tag legen, zu der sie selbst nicht imstande sind. Überlegen Sie deshalb mit ihr zusammen, wie Sie ihre Stärke sein können. Ermutigen Sie sie dazu, ihre Krankheit öffentlich zu machen. Suchen Sie Verbündete, wenn die fiesen Stimmen aus dem Off kommen. Zeigen Sie ihr, was die Gemeinde Jesu wirklich ist: eine Gemeinschaft der Schwachen in einer Gesellschaft, die Schwäche unerträglich findet. Das ist ihre Stärke.

Erschienen in:
Ausgabe 45/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik