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Haltung, bitte!

Schüßlersalz der Erde

Aus: Ausgabe 39/2013

Meine Frau und ich haben in diesem Jahr eine Deutschlandreise gemacht und viele Dome, Kirchen und Kathedralen besichtigt. Was für ein Schatz! Dabei ist uns leider aufgefallen, dass auf den Büchertischen neben den Kirchenführern und Büchern vom Papst auch Bücher über Bachblüten-Therapie, Schüßlersalze, vom Dalai Lama und sogenannten Prominenten lagen. Bibeln und theologische Literatur gab es kaum. Zu Anfang wunderten wir uns, am Ende der Reise wurden wir zornig. Wird so nicht unser kulturelles Erbe verraten?“ Volker R., Berlin

Spötter würden sagen, wenn Bachblüten und Buddhismus die Spur in den religiösen Raum legen, sind die christlichen Kirchen vollends zum kulturellen Erbe geworden. Erhabene Relikte aus einer fernen Zeit, Museen der alten Welt, in denen Menschen nicht meditierten, sondern beteten. Sie besuchten keine spirituellen Orte, sondern Gotteshäuser. Beim Hinweis auf die Schüßlersalze zuckte ich kurz, schließlich sollen Christen ja das Salz der Erde sein, aber das war seinerzeit wohl auch anders gemeint. In der Tat können die Devotionalien- und Geschenkläden im Eingangsbereich der Kirchen einen manchmal ziemlich nachdenklich machen. Oder zornig. Ein Politiker, der nicht zu den ganz so Prominenten gehört, wollte kürzlich in einer Berliner Kirche eine Bibel kaufen. „Wo sonst?“, dachte er sich. Zwischen Fotobänden mit Sonnenuntergängen und papstbegeisterten/papstkritischen Büchern, die angesichts des Wechsels auf dem Heiligen Stuhl auch schon aus der Mode gekommen sind, suchte er vergeblich. „So was kauft ja keiner“, hat eine hilfreiche Dame ihm erwidert, als habe er nach einer chinesischen Grammatik gefragt. Ein wenig ist es mit der Literaturauswahl auf Büchertischen so wie mit dem Programm im Fernsehen. Mit Verweis auf die Quote heißt es, wenn wieder über Talkshows und kitschige Filmchen geschimpft wird, die Leute wollten doch nichts anderes. Was im Fernsehen wie in den Kirchen zu beweisen wäre. Wer dauerhaft für dumm verkauft wird, der wird es irgendwann. Wer seine Kirchen allen öffnet, sollte einen Weg in die Theologie des Christentums eröffnen. Sonst schweigen die prachtvollen Gemäuer.

 

Erschienen in:
Ausgabe 39/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch