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Haltung, bitte!

Schöne Ferien

Aus: Ausgabe 10/2013

„Seit unsere Kinder klein waren, fahren wir mit einer anderen Familie in den Urlaub in den Süden. Immer in das gleiche Ferienhaus, seit über zehn Jahren. Seit dem letzten Sommer haben wir uns nun hoffnungslos zerstritten. Es herrscht Funkstille, zumindest bei den Erwachsenen. Das Ferienhaus haben wir aber schon bei unserem letzten Aufenthalt gebucht und gemeinsam angezahlt. Ist es unstatthaft, die andere Familie aufzufordern, sich ein anderes Domizil zu suchen? Wir würden gerne andere Freunde fragen, sich mit uns das Haus zu teilen." Saskia R., Köln

Nichts für ungut, aber wie können sich denn ganze Familien zerstreiten? Noch dazu „hoffnungslos“? Das gibt es doch nur bei der Mafia. Vermutlich liegt der Ursprung des Konflikts bei den Erwachsenen, oder? Schwer zu sagen, wie tiefgreifend das Zerwürfnis zwischen Ihnen ist. Den Anlass für den Freundschaftsbruch nennen Sie ja nicht. Aber bedenken Sie, dass nun aus den anderen Familienmitgliedern wohl oder übel Konfliktparteien werden. Sie werden in einen Elternkrieg hineingezogen, mit dem sie nichts zu tun haben. Wenn ich die Andeutungen richtig verstehe, halten sich die Kinder ja auch nicht an das verordnete Schweigen. Sie sind offenbar nicht so schnell bereit, die geteilte Erinnerung an die Sommer der Kindheit zu vergessen.

Deshalb fragen Sie Ihre Sprösslinge doch um Rat. Wenn ich richtig rechne, sind die mittlerweile im Teenageralter. Mit Funkstillen und verletztem Schweigen kennen sie sich wahrscheinlich gut aus. Sie wissen aber auch, wie man da wieder herauskommt. Sie kennen Wege aus der eigenen Bockigkeit und Verletztheit, weil Sie ihnen oft genug da herausgeholfen haben. Nun können vielleicht die Kinder den Erwachsenen helfen. Natürlich können Sie die ehemaligen Freunde bitten, aus dem gemeinsamen Mietvertrag auszusteigen. Dann ist der Weg frei für die neuen Freunde. Nur werden sie die alten Urlaubsfreunde so nicht los. Sie sitzen unterm Maulbeerbaum, unter dem sie gemeinsam gefrühstückt haben. Sie sitzen abends mit auf der Veranda beim kühlen Glas Wein. Geben Sie sich einen Ruck und nutzen Sie die Urlaubsfrage doch als Vorwand, um wieder einen Weg zueinander zu finden.

 

Erschienen in:
Ausgabe 10/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch