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Haltung, bitte!

Schirmherrschaft

Aus: Ausgabe 03/2013

„Meine Jungs, 12 und 14 Jahre alt, haben von den Großeltern zu Weihnachten ein Smartphone geschenkt bekommen. Vorher hatten sie gar kein Handy. Jetzt hängen sie den ganzen Tag über den kleinen Geräten. Mein Mann hat sein Mobiltelefonallerdings auch immer in Reichweite. Ich will nicht so eine ,Verbotsmutti‘ sein, aber egal, ob es ums Frühstück oder um andere Verpflichtungen geht, meine Kinder sind immer mit ihren Telefonen beschäftigt. Haben Sie einen Tipp, wie ich den Familienfrieden retten kann?“ Hilke S., Kiel

„Am liebsten würde ich meine Familie in die Steinzeit zurückkatapultieren und alle Geräte aus dem Fenster schmeißen, den PC, die Spielkonsole und die Handys“, stöhnte vor ein paar Tagen eine Bekannte. Sie hat vier Kinder und einen Ehemann. Dann tippte sie ihre siebte Kurznachricht in das Handy neben der Kaffeetasse.

Die digitale Welt ist eine echte Herausforderung. Wie sollen wir das „Netzgemüse“ nur so großziehen, dass unsere Sprösslinge ihren Mitmenschen bei Unterhaltungen noch in die Augen sehen, anstatt elektronische Grinsegesichter zu verschicken? Unbeteiligte können wortreich den Untergang des Abendlandes beklagen. Wenn da diese Glaubwürdigkeitsfalle nicht wäre, die überall in der Gegend herumsteht, in Form von Laptops, Handys oder altmodischen Telefonen. Drei Elterngenerationen haben schon über den Fernsehkonsum ihrer Kinder geschimpft: Viereckige Augen, leere Hirne und böse Fantasien würden herauskommen, wenn man seine Lebenszeit vor dem Bildschirm verschwendet. Kaum waren die Kinder im Bett, machten die Erwachsenen die Glotze an. Nur mal kurz zur Ablenkung? Natürlich schalteten sie ein, weil eine wichtige Reportage auf dem Kulturkanal lief. Auch bei den neuen Medien ist der erste Schritt zur Verbesserung des Familienfriedens die Einsicht der Eltern, dass Kinder ihnen alles nachmachen. Beim nächsten Familienrat muss deshalb der Medienkonsum aller Beteiligten auf den Tisch. Dann lassen sich auch gemeinsam Regeln finden: keine Geräte beim Essen, im Bett und vor dem Frühstück. Im Urlaub nur auf Hin- und Rückfahrt oder eine Stunde am Tag. Für Kinder und für Eltern. Eine gewiefte Mutter von drei Teenagern hat übrigens einen Trick, um die Aufmerksamkeit ihrer Kinder zu kriegen. Dann und wann schickt sie ihnen ein Foto von der Pizza im Ofen oder eine Kurznachricht: „Aufstehen, Schlafmütze!“

Erschienen in:
Ausgabe 03/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
keine