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Ihr Motiv

Schiffbruch mit Krieger

Aus: Ausgabe 05/2013

Der Piraten-Schicksal ist der Untergang. Das kann man auch politisch deuten

Peter Mountain/Walt Disney Studios Motion Pictures/ddp

Die Tragik des Piraten ist: Er kommt, um zu bleiben, doch er verschwindet meistens schnell. Ob vor 400 Jahren in der Karibik oder aktuell am Horn von Afrika – Piraten sind Gestalten des Übergangs, der Krise, des schwachen Staates. Wo es kein Gesetz gibt, da kommen Gesetzlose, um, solange es geht, zu profitieren. Trotzdem finden wir Piraten romantisch – vorausgesetzt jedenfalls, sie kapern nicht unsere Kreuzfahrtschiffe. Genau da aber liegt das Problem: Als Kapitäne will sie keiner haben. Da möchte man Käpt’n Iglo am Steuer. Mit Rauschebart und Mütze weiß er immer, wo es langgeht, und sorgt für volle Teller. Krieger, die mit dem Messer zwischen den Zähnen an Bord entern, sind wenig beliebt – zumindest, wenn man zu den Geenterten gehört.

Das Seemannsgarn lässt sich politisch deuten. Immerhin haben die Piraten mit 2,1 Prozent bei der niedersächsischen Landtagswahl ihren ersten und vielleicht letzten Schiffbruch erlitten. Um deshalb in der schon reichlich strapazierten Metapher zu bleiben: Der Krieger mit dem Messer weiß, wie man das Schiff entert und was er damit anfangen soll. Die Piraten jedoch haben in kürzester Zeit bewiesen, dass sie weder eine Ahnung haben, wohin sie wollen, noch wo Steuerbord und Backbord ist im parlamentarischen System. Ein Pirat alten Schlages würde jetzt sagen: „Selbst schuld! Du hast dich mit dem System eingelassen!“ Man kann eben nicht Käpt’n Iglo und Jack Sparrow, nicht Parlamentarier und außerparlamentarische Opposition in einem sein. Man muss sich entscheiden: Anpassen oder Untergehen? Als ihre Zeit kam, haben sich viele Piraten der Karibik für die erste Variante entschieden. Oft jagten sie danach erfolgreich die, die partout frei und ungebunden bleiben wollten. Am Ende siegt das System eben doch. Das ist die Tragik und die Romantik des Piraten.

Erschienen in:
Ausgabe 05/2013
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Motiv
Stichworte:
keine