Der Atheist, der was vermisst
Schiff ahoi!
Aus: Ausgabe 05/2012
Warum gehe ich eigentlich Sonntags nicht in die Kirche? Unser Kolumnist sucht nach Gründen und stellt fest: Ein bißchen Gemeinschaft wäre grad gar nicht schlecht.

„Dies ewige Grau“, sagt die beinahe erwachsene Tochter, „ich will mal raus hier. Warum heißt der Sonntag denn Sonntag, wenn die Sonne nicht scheint? Am liebsten würde ich ganz weit weg sein, wo es licht und warm ist.“ – „Nichts leichter als das“, antworte ich, „steig doch einfach ins nächste Flugzeug.“ Wir schweigen. Unser Morgengang führt an der Kirche vorüber, drinnen dröhnt die Orgel, dann setzt, kaum hörbar, der schüttere Chor der Gemeinde ein. „Wollen wir hineingehen?“ Sie sieht mich erstaunt an. „Na ja“, sag ich, „du brauchst kein Flugzeug und bist mal raus aus allem. Andere Bilder, andere Geschichten, eine andere Art von Sprache. Der überhohe Raum, mächtiger Glockenklang, eine rauschende Orgel, das ist schon exotisch.“ – „Hör auf“, sagt sie, „du weißt genau, dass ich was anderes meine.“
Wir gehen über die Felder und Weiden am Dorfrand dem nahen Waldstück zu. „Das ist auch ein Gottesdienst“, sagt sie, „wenn man so schweigend durch die schlafende Landschaft geht… Ich brauch gar keine Palmen und keinen Strand.“ – „Na ja“, sag ich, „in der Kirche hättest du beides, Strand und Palmen und einen ganzen Haufen Wüstensand. Gemächlich schaukelnde Kamele. Wenn du es willst, bist du mit diesen Bibelgeschichten doch auch an sehr exotischen Orten. Und dazu noch in einem ganz anderen Zeitfluss in diesem Kirchenschiff. Du musst gar nichts wollen und tun, nur mitschwimmen, mitsingen, mitbeten, und auch das musst du nicht einmal. Du bist für eine gute Stunde raus aus allem, was zu Hause an dir zerrt und saugt, was getan und bedacht und geplant werden will. Du bist auf einer sonnigen Insel, gerettet, geborgen, unerreichbar. Du tust Dinge, die in deinem Alltag nicht vorkommen, das weckt Gefühle in dir, die sonst vielleicht verschüttet, verkümmert oder verwildert wären, die du hier aussingen darfst.
Das hat nichts, aber auch gar nichts mit der draußen herrschenden Nützlichkeit zu tun, das ist alles von einer höheren Nutzlosigkeit. Du sitzt in einem Resonanzraum im Innern der Orgel, du wirst durchdröhnt. Und wenn du wieder vor die Tür trittst, bist du massiert und gereinigt. Du hast Abstand gewonnen und bist mit dir ins Reine gekommen, wofür es alle möglichen Angebote gab: sich abfinden, sich aufraffen, sich anklagen, sich vorfreuen in einem Raum, wo man beisammen und jeder für sich ist. Du kommst aus der Kirche, wie von einer weiten Reise, nur: Dort bist du nicht ausgekitzelt und abgefüttert worden, es gibt also nicht diesen faden Nachgeschmack wie auf einer Kreuzfahrt, nein, erhoben und demütig verlässt du das Schiff. Das Kirchenschiff…“ – „Und woher willst du das wissen, du Atheist?“ Wir sind mitten im Wald, jetzt hören wir die Kirchenglocken, wie sie uns rufen.





