Der Atheist, der was vermisst
Scheidungsritual
Aus: Ausgabe 27/2012
Ich fühlte mich wie nach einem Boxkampf auf dem Schulhof.

Ach, das rosige Lächeln des wonnig gewölbten Herrn Notar! Er, der Zeremonienmeister, war der Einzige, der sich wohlfühlte in diesen Räumlichkeiten. Ein Scheidungsfolgenvertrag sollte unterschrieben werden. Ein halbes Stündchen, das ihm so viel eintrug, wie ich übers ganze Jahr zusammenschreiben konnte, auch das machte mich wütend. Aber ich wollte keinen Krieg, sondern alles anders machen. Wer mit Scheidungen schon zu tun hatte, der weiß, wie regelmäßig Menschen dabei in Raserei zu fallen und aus dem Fahrgeleise ihres gewohnten Lebens zu springen pflegen.
Um den üblichen Streit zu vermeiden, hatte ich alles weggeschenkt, kochte nun aber doch vor Wut über meine Dämlichkeit und ließ es an meinen Schnürsenkeln aus. Die Nochgattin war ganz in Weiß hereingeweht, ihr Anwalt grinste in alle Richtungen. Dann hob der Notar an, uns die Einzelheiten unserer Scheiderei vorzusäuseln, offenbar las er das Papier zum ersten Mal, denn als er unsere sechs Kinder darin entdeckte, brach er plötzlich in so etwas wie Rührung aus: Nein, so viele Kinder, wie wunderbar, ich gratuliere Ihnen… Das hätte er nicht tun sollen. Ich sprang auf und krächzte, dass er sich bitte an seinen Text halten und sich jeglicher persönlichen Bemerkung enthalten solle und unsere Kinder aus dem Spiel lassen, verdammt noch mal. – Die Nochgattin brach in Tränen aus, die Wimperntusche hinterließ malerische Spuren auf dem Reinweiß ihrer Garderobe. Ihr Anwalt sprang mit wedelnden Armen um den Tisch herum, und der gesalbte Notar blickte düpiert in die Ferne.
Als wir es hinter uns hatten, stand ich wieder allein vor diesem Hochhaus und mir zitterten die Knie. Eine Katastrophe. Ich fühlte mich wie nach einem Boxkampf auf dem Schulhof. Dem Krieg war ich jedenfalls nicht entgangen. Erst Jahre später haben wir Eltern wieder miteinander gesprochen. Ich hatte wirklich keine gute Figur gemacht, aber die anderen waren auch nicht so toll gewesen. Natürlich: Ich hätte mich zusammenreißen müssen, statt mir die Schnürbänder auszureißen, und einen anderen Zeremonienmeister hätten wir auch gebraucht.
Wir alle hätten eine andere Form gebraucht für dieses – Loslassen. Einen anderen Raum, andere Texte, passende Musik, gute Freunde. Ich vermisse immer noch ein Scheidungsritual, dem wir uns hätten anvertrauen können, dem wir gewachsen gewesen wären, aus dem wir unversehrt, zumindest aber als die Erwachsenen hätten herauskommen können, die wir eigentlich sind.





