www.zeit.deProbe-Abo

Heilkunst

Schamane im Einsatz

Aus: Ausgabe 05/2012

Als Kampfsportler und Heilpraktiker lebte er im Badischen, heute legt Joseph John auf der Karibikinsel St. Lucia Kranken die Hände auf. Sein Rezept: „Am Anfang steht das Wort“. Manchmal empfängt er Sinnsucher aus Deutschland

Michael Marek

Castries, Hauptstadt der Karibikinsel St. Lucia: In unserem Minibus laufen die Transistoren heiß. Schon am frühen Morgen prangert der Radiomoderator Sam Flood die alltäglichen Ungerechtigkeiten an, in drängendem Stakkato: Korruption, Polizeiwillkür, Verschwendung öffentlicher Gelder. Niemand und nichts ist sicher vor Floods beißender Ironie. Dafür lieben ihn seine Hörer. Umso mehr, als er zu ihnen nicht in der offiziellen Landessprache Englisch spricht, sondern in der ihrer schwarzen afrikanischen Vorfahren: auf Kreolisch.

Der Inselbus bringt uns nach Laborie im Süden. Dort, oberhalb des Fischerdorfes mit dem malerischen Palmenstrand, lebt Joseph John. Er ist der Schamane der Insel. Auf St. Lucia geboren als Kind einer Französin aus Martinique, wächst er in Castries auf. Als seine Mutter in ihre Heimat zurückkehrt, geht er mit ihr. Der junge Mann sucht nach Abenteuern, und bald landet er in der Fremdenlegion, in der er sieben Jahre dient. Er lässt sich treiben durch die Welt, durch Nordafrika und Südamerika. Schließlich verschlägt es ihn ins Badische. Dort wird er Kampfsportlehrer und heiratet eine Deutsche.

Die Geburt ihres ersten Kindes ist kompliziert. Die Ärzte geben der Tochter kaum Überlebenschancen. Doch Joseph nimmt sie in den Arm und spürt, so erzählt der 56-Jährige heute, dass sie leben wird. Er kann es nicht erklären, ist aber wegen der Energie, die zwischen dem Baby und ihm schwingt, davon überzeugt, alles werde gut. Er behält recht. So entdeckt Joseph John seine Fähigkeit, ohne jegliche medizinische Vorbildung Probleme anderer Menschen zu erkennen, kraft seines Geistes zu analysieren und nur mit seinen Händen zu kurieren. Er wird Partner eines Heilpraktikers, den Josephs „Naturtalent“ beeindruckt. Schon bald hat John eine Gemeinde von Anhängern, denen es ebenso geht.

Vermutlich spielt auch seine Erscheinung dabei eine wichtige Rolle. Denn mit seinem bulligen Glatzkopf und dem Vollbart mit den goldenen Spangen ist Joseph noch immer eine imposante Gestalt. Stets trägt er einen schwarzen Kampfanzug; er hat den 7. Dan und ist Großmeister im Kung-Fu. An seinem Hals baumeln schwere Ketten und Amulette. Ein karibischer Mister T. wie aus der US-amerikanischen Actionserie empfängt uns auf seiner Obst-Finca hoch über dem Meer. Er hat eine gewinnendes Lächeln, eine helle, junge Stimme und spricht immer noch sehr gut Deutsch.

Hier oben bauten er und seine Frau ein Haus mit Blick auf den Atlantik. Denn, so erzählt er weiter, irgendwann habe er gespürt, er müsse wieder zurück zu seinen Wurzeln, zurück auf die Kleinen Antillen und die Inseln über dem Winde, zu denen St. Lucia gehört. Vor sieben Jahren verließ das Paar Deutschland und ließ sich auf dem üppig grünen Bergrücken bei Laborie nieder.

Auch hierher kommen die Menschen nun zu Joseph, wenn sie der Schuh drückt, wenn sie Heilung und Hilfe brauchen. Selbstverständlich spricht und behandelt er sie ausschließlich in ihrer Sprache – auf Kreolisch. Nur so könne er ihr Vertrauen gewinnen, sagt Joseph. In der von animistischen Traditionen geprägten Gemeinschaft ist aus Joseph, dem Fremdenlegionär, dem Heilpraktiker in der deutschen Provinz, der „African Man“ geworden, wie sie ihn in Laborie nennen, der Schamane. Kontakt zur Götter- und Geisterwelt aufzunehmen, das ist seine Berufung – und nun auch sein Beruf. Auf seiner Finca hat er inzwischen ein zweites Haus gebaut, Gästehaus und Praxis für seine Patienten in einem.

Um zu verstehen, wie wichtig Kreolisch für das Vertrauen der Menschen in Josephs Arbeit ist, ist ein Blick in die Geschichte St. Lucias nötig. Mitte des 17. Jahrhunderts verschleppten die Europäer Menschen aus den verschiedensten Regionen Afrikas in die neuen Kolonien Westindiens. Dort mussten sie als Sklaven arbeiten, und sie entwickelten dabei eine eigene, allen gemeinsame Sprache, um sich untereinander verständigen zu können. Allmählich bildeten sich eine eigene Grammatik, Syntax und Phonetik heraus. Eine neue Sprache entstand, die Muttersprache der nachfolgenden Generationen. Heute wird Kreolisch, eine weiche Verbindung aus afrikanischen Stammes?idiomen und Französisch, auf Karibikinseln wie Grenada, Trinidad, Dominica, Guadeloupe, Martinique und Haiti gesprochen.

Jahrhundertelang verboten Kolonialherren und Missionare, getrieben von der Angst vor Aufständen, den Sklaven, in ihrer eigenen Sprache miteinander zu reden. Den Europäern galt das Idiom als unzivilisiert und unchristlich. So sehr, dass selbst die Insulaner Kreolisch schließlich für minderwertig hielten. Erst als St. Lucia 1979 unabhängig wurde, erlebte Kwéyòl, wie die St. Lucians ihre Sprache auf Kreolisch nennen, eine Renaissance.

Heute, im Alltag der St. Lucians, ist Kreolisch quicklebendig. Doch lange tat sich die gesellschaftliche und geistige Elite der Insel damit schwer. Künstler, Politiker, Wissenschaftler – wer auch immer etwas auf sich hielt, sicherte seinen Kindern eine streng britische Ausbildung. Viele beherrschten die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr. Selbst Literaturnobelpreisträger Derek Walcott aus Castries, der stets den Kulturimperialismus der europäischen Kolonialherren verdammte, tat dies ausschließlich auf Englisch – und beklagte später, sich nicht in der Sprache seiner Kindheit ausdrücken zu können. Gerade einmal 20 Jahre ist es her, dass der Dorfschullehrer Jones Mondesir aus Soufrière das erste kreolische Wörterbuch schrieb. Erst seit 2001 gibt es eine kind- und schulgerechte Version, das Kwéyòl Dictionary. Es wird herausgegeben vom Erziehungsministerium St. Lucias und ist Pflichtlektüre in allen Schulen. Kürzlich wurden sogar Teile des Neuen Testaments auf Kreolisch übersetzt.

Ein Landarbeiter trottet in der Mittagshitze durch den Orangenhain zu Josephs Haus hinauf. Er hat starke Gliederschmerzen. Wie ein Häufchen Elend hockt sich der Mann auf den Stuhl des kleinen Behandlungszimmers. Joseph, der Schamane, erklärt, was er vorhat: „Ich führe zuerst eine Analyse seines Nervenzentrums durch, um zu sehen, wo seine körperlichen und psychischen Krankheiten liegen und wie es um seine Stabilität bestellt ist. Ich stelle ihm eine Reihe von Fragen, um zu spüren, wo er besonders empfindlich ist und wie es um sein Immunsystem steht.“ Dann setzt er zu einem rituellen Trommeln an. Kehlige Laute versetzen ihn in Trance; seine Stimme rutscht eine Oktave tiefer.

Mit der rechten Hand fährt Joseph über Arme, Schultern und Nacken des Patienten, seine linke ruht auf dessen Schulter. So sollen Energien durch den Mann fließen. Er drückt ihm die rechte Hand gegen Bauch und Stirn, fragt mit weichem Timbre, wo es wehtut. Dabei spricht er auf Kwéyòl. Wir verstehen nichts.

Natürlich, so erklärt er später, seien auch die magischen Reliquien wichtig, die auf seiner Brust prangen und die jedem Voodoo-Priester zur Ehre gereichen würden: eine buddhistische Gebetskette mit 120 Perlen, dazu ein Omen für das Gebet zu den Ahnen, eine alte Maske, Adlerkrallen und eine weitere tibetanische Perlenkette. Joseph arbeitet mit verschiedenen Ritualen, Gesängen und Klangschalenmassagen.

Viele St. Lucians, sagt er, kämen mit einfachen orthopädischen Leiden; aber auch Krebskranke, psychisch Labile und alltagsgestresste Menschen. Doch gibt er seit Jahren weiterhin Kurse für Sinnsucher aus seiner zweiten Heimat Deutschland, darunter auch Ärzte und Therapeuten. Wenn Patienten nach der langen Reise in das idyllische Refugium hoch über dem Meer kommen, begrüßt sie eine deutsche Fahne, die an einem blanken, abgestorbenen Baumstamm in der Brise flattert. Auch bei Behörden und militärischen Einrichtungen St. Lucias seien seine Fähigkeiten und Kampfkünste gefragt, fügt er hinzu. Über Einzelheiten könne er aber nicht sprechen.

Ob nun rein intuitiv oder mit kühler Berechnung – Joseph John weiß sich eindrucksvoll als Gesamtkunstwerk zu inszenieren. Und sein Erfolg scheint ihm recht zu geben. Schon nach einer Viertelstunde jedenfalls berichtet uns der Patient auf Englisch, dass Wärme durch seinen Körper geflossen sei, als die Hände des Schamanen ihn berührten, dass sich die Spannung in den Muskeln gelöst habe. Zufrieden steht er auf, bezahlt und geht. Die Menschen hier auf St. Lucia vertrauten seiner Kraft zu heilen nur, wenn er in ihren Augen glaubwürdig sei, sagt Joseph. Und dazu gehöre nun einmal, dass er mit seinen Patienten in Kwéyòl kommuniziere, weil diese nur in der Sprache der Ahnen ihre Gefühle, Sorgen und Nöte authentisch ausdrücken könnten.

Längst wird Kreolisch nicht mehr nur von den kleinen Leuten gesprochen. Auch aus dem Kulturbetrieb St. Lucias ist es nicht mehr wegzudenken. Im öffentlichen Leben, im Theater, in der Musik, in den Medien findet das Idiom der schwarzen Vorfahren immer größere Anerkennung. Das neue sprachliche Selbstbewusstsein zeigt sich auch in der Politik: Die Generalgouverneurin des Commonwealth-Mitglieds St. Lucias, Pearlette Louisy, eine studierte Sprachwissenschaftlerin, hält ihre Parlamentsreden auch in der Landessprache. Noch vor gut 30 Jahren wäre das unmöglich gewesen.

Auch Joseph John achtet und liebt das Kwéyòl. Allein mit seinen physiotherapeutischen Behandlungsmethoden, den Tiefenmassagen, den Energien, die ihn in Deutschland erfolgreich machten, hätte er, da hat er keinen Zweifel, auf St. Lucia nicht reüssieren können. „Am Anfang steht immer das Wort“, spielt der polyglotte Schamane stolz mit einem Bibelzitat. Kreolisch sei der Türöffner, die Basis des Vertrauens zwischen ihm und seinen Patienten. Ohne Vertrauen keine Heilung.

Die Sprache ihrer Vorfahren wird von den St. Lucians inzwischen wieder selbstbewusst gelebt: im Alltag, in traditionellen Tänzen, im Jounen Kwéyòl, dem Fest der Landessprache, das jedes Jahr im Oktober die ganze Insel auf die Beine bringt. Und jeden Morgen erwacht sie zu neuem Leben, pünktlich um halb sechs, wenn Radiomoderator Sam Flood zum ersten Mal am Tag über die kleinen und großen Katastrophen auf St. Lucia herzieht in der Sprache, die alle verstehen.

Erschienen in:
Ausgabe 05/2012
Redakteur:
Michael Marek (Freier Autor)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
keine