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Haltung, bitte!

Rollentausch

Aus: Ausgabe 06/2014

„Meine Schwester, Mitte 30, beruflich sehr erfolgreich, lebt seit einigen Monaten mit einem Mann zusammen. Er arbeitet nicht mehr und lässt sich von ihr aushalten. Ich finde, dass er ihre Gutmütigkeit und ihre Sehnsucht nach einer Familie ausnutzt. Nun wollen sie heiraten, und er soll sich um die Kinder kümmern, wenn es welche gibt. Kann ich mich einmischen?“

Gar nicht einfach, zuzusehen, wie die eigene Schwester sich ins Unglück stürzt. Die Frage ist nur: Stürzt sie wirklich ins Unglück, oder ist das Leben, das Ihre Schwester wählt, nur Ihre Vorstellung vom Unglück? Wenn Ihre Schwester ein Bruder wäre, der eine Frau heiratet, die sich in Zukunft ganz ihrer kleinen Familie widmen will und deshalb ihren Beruf an den Nagel hängt – würde dieses Bild auch Katastrophenalarm bei Ihnen auslösen? Oder nur ein mildes Lächeln, weil der Kinderwagen noch leer ist? Möglich wäre es immerhin, dass der neue Mann die Ergänzung ist, die Ihre Schwester gesucht hat, weil sie ihren Beruf liebt und trotzdem Kinder haben will.

Hat der Mann seine Arbeit verloren? Oder ist ihm einfach nur seine Freude am Beruf abhandengekommen? Vielleicht kann er sich ja in seiner neuen Position als künftiger Familienmann endlich entfalten? Es braucht eine gehörige Portion Selbstbewusstsein von beiden, wenn sie sich die immer noch gängigen Geschlechterrollen umdrehen. Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Schwester sich mit diesem neuen Mann unwohl fühlt? Ist er in Ihrer Anwesenheit gemein zu ihr? Macht er sie klein?

Wie geht er mit ihrem beruflichen Erfolg um? Verleidet er ihr ihre Eigenständigkeit? Dann hätten Sie als Schwester jedes Recht der Welt, nachzuhaken: Geht es dir gut? Ist er gut zu dir? Ansonsten dürfte eine Mittdreißigerin in der Lage sein, sich den Partner selbst auszusuchen, der zu ihr passt. Fassen Sie sich ein Herz und tauschen Sie Ihre Sorge in Neugier um. Lernen Sie den zukünftigen Schwager kennen. Vielleicht erfahren Sie etwas über seine Motive, über seine Lebensgeschichte, über das, was er an Ihrer Schwester liebt, irgendwann. Vielleicht lernen Sie ja auch Ihre Schwester noch einmal anders kennen.






Erschienen in:
Ausgabe 06/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Lebensstil