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Was darf Satire?

Respekt bitte!

Aus: Ausgabe 08/2012

Den Respekt, den man dem einzelnen schuldet, muss auch für Gott gelten. Er darf nicht zum Gegenstand von Hohn und Spott werden.

Ohne Freude kann kein Mensch leben. Wir Christen haben, trotz mancher Widrigkeiten, besondere Grund zur Freude. Der Apostel Paulus sagt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit. Noch einmal sage ich: Freut euch… Der Herr ist nahe“ (Phil 4,4). Deswegen ist die Freude ein Markenzeichen des Christen. Ein Leben ohne Freude ist die Hölle, der Himmel hingegen ist Inbegriff einer immerwährenden und unübertrefflichen Freude.

Im Gottmenschen Jesus Christus ist ein Stück Himmel auf die Erde gekommen und damit ein Stück Freude – Freude, die weiß, dass die Traurigkeit dieser Welt nicht das letzte Wort hat, die weiß, dass wir in Gottes Hand geborgen sind, dass wir geliebt und getragen sind. Freude ist auch Ausdruck innerer Souveränität. Ich lebe von der Liebe Gottes und seiner Großzügigkeit und nicht von dem, was ich mir erarbeitet habe, was ich geleistet habe.

Humor und Religion gehören daher untrennbar zusammen. Im Rheinland wird das besonders deutlich im Karneval. Nicht nur, dass das Kirchenjahr die sogenannte fünfte Jahreszeit terminiert, das Christentum prägt auch in vielfältiger Weise den Karneval, sei es, dass in Liedern nicht nur der Kölner Dom, sondern auch Engel und Petrus Thema sind, sei es, dass das Kölner Dreigestirn Jahr für Jahr dem Erzbischof seine Aufwartung macht und dieser im Gegenzug mit den Kölner Karnevalisten zum Auftakt der Session einen feierlichen Gottesdienst im Dom feiert. Auch viele der bekannten Kölner Bühnenkünstler gingen aus den Kar?nevalsveranstaltungen der Kirchengemeinden hervor. Vermutlich auch deshalb sind viele von ihnen geprägt von einem Humor im christlichen Sinne, einem Humor, der Respekt vor dem Gegenüber hat.

Im besten Sinne gehören in einer solchen Haltung Humor und Religion zusammen. Gerne zitiert deshalb der „Bergische Jung“, ein katholischer Diakon und aktiver Karnevalist, in seinen Büttenreden Chesterton mit der Erkenntnis: „Humor ist ein Teil der Religion… Denn nur wer Distanz hat von den Sachen, hat Gelegenheit, sie zu belachen.“ Humor bedeutet in einem solchen Verständnis zunächst einmal, über sich selbst lachen zu können, in dem Bewusstsein, dass ich ein Mensch mit Fehlern und Schwächen bin. Aus dieser Souveränität heraus kann ich dann auch die Fehler anderer „aufspießen“ und persiflieren. Die Basis für echten Humor ist deshalb immer auch der Respekt vor anderen Personen, vor ihrer Würde. Wo dieser Respekt fehlt, mutiert humorvolle Persiflage zu verletzendem Spott. Die Grenze ist hier fließend. So manches, was unter der Überschrift „Satire“ antritt, hat längst die Grenze des guten Geschmacks überschritten.

In Köln gibt es seit Jahren die sogenannte Stunksitzung. Ursprünglich angetreten als Gegenentwurf zum etablierten Karneval, ist sie inzwischen längst selbst zum Kommerz geworden – und verwechselt immer wieder die „Respektlosigkeit des Narren vor der Obrigkeit“ mit Geschmacklosigkeit und Angriffen auf Dinge, die anderen wertvoll sind. In diesem Jahr haben die selbst ernannten „Stunker“ allerdings eine Grenze überschritten. Waren es in den vergangenen Jahren noch Angriffe gegen kirchliche Würdenträger, die in verletzender oder auch ehrabschneidender Weise dargestellt wurden, um – so mutmaßen viele – die Stunksitzung in die Schlagzeilen zu bringen, wurde in diesem Jahr gleichsam „eine rote Linie überschritten“, indem Christus selbst der Lächerlichkeit preisgegeben wurde: auf einem Elektroroller, grinsend mit einem Kreuz auf der Schulter.

Hier wird Gott selbst zum Gegenstand von Spott und Hohn.

Haben in den vergangenen Jahren viele Menschen die Anwürfe der Stunksitzung mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen und vermieden, den Akteuren durch Empörung noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, wurde diese erneute Provokation in der Kölner Öffentlichkeit deutlich kommentiert. Der Westdeutsche Rundfunk zum Beispiel wird in seinem Zusammenschnitt diese Szene nicht senden, weil sie mit dem Programmgrundsatz, „die religiösen Überzeugungen der Bürger zu achten“, nicht vereinbar sei. Diese sensible Entscheidung, die der WDR dankenswerterweise getroffen hat, bringt es auf den Punkt.

Der Respekt, den ich jedem Menschen auf dieser Erde schulde aufgrund seiner unverlierbaren Würde, gilt in ungleich höherem Maße für Gott. Wo Gott nicht mehr respektiert wird, kommt am Ende der Mensch unter die Räder. Das zeigt die Geschichte. Wer dies nicht sieht und das Heilige selbst nicht anerkennt, sollte wenigstens gläubige Menschen respektieren und das, was ihnen am heiligsten ist, ihre Freundschaft mit Gott.

Dominikus Schwaderlapp wurde 1967 in Selters geboren. Der promovierte Moraltheologe ist seit 2004 Generalvikar des Erzbistums Köln.

Erschienen in:
Ausgabe 08/2012
Redakteur:
Dominik Schwaderlapp (Generalvikar, Erzbistum Köln)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kultur, Ethik, Medien