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Haltung, bitte!

Reden statt Streiken

Aus: Ausgabe 47/2011

„Ich bin Altenpflegerin in der Diakonie und erlebe, wie die Arbeitsbedingungen immer härter werden. Nun habe ich gelesen, dass die Synode der EKD beschlossen hat, ...

... dass wir Mitarbeiter trotzdem nicht streiken können, obwohl die Gewerkschaft Verdi sich für unsere Belange stark gemacht hat. Wer zeigt denn hier christliche Haltung?"

Die Diakonie ist deshalb so unter Druck, weil die Gesellschaft entschieden hat, dass im Bereich des Sozialen vor allem die ökonomische Vernunft herrschen soll. Harter Konkurrenzdruck und ein umkämpfter Markt sind die Folgen. Von den Mitarbeitern werden christliche Haltungen eingefordert, die die Diakonie als Arbeitgeberin selbst außer Kraft setzt. Seit einigen Monaten sind die Missstände auch öffentlich. Von Lohndumping, Outsourcing und schlechten Arbeitsbedingungen ist die Rede. Sie wissen, was das im Alltag derer heißt, die sich für die Menschen beruflich engagieren, um die es der Kirche gehen muss, die Schwachen und Kranken, die an den Rand Gestellten und die, die keiner sieht. Deshalb ist es wichtiger denn je, dass Menschen wie Sie mit Nachdruck auf Mängel und massiven Vertrauensverlust in der eigenen Einrichtung hinweisen. Doch wenn die Synode nun den sogenannten dritten Weg, wie er sich in langen Jahrzehnten bewährt hat, nicht außer Kraft gesetzt hat, dann haben die Kirchenparlamentarier das so deutlich wie noch nie mit der Ansage verbunden, dass die Diakonie ihre eigene Glaubwürdigkeit nicht länger selbst aufs Spiel setzen darf. Die Gewerkschaften plädieren für Streik. So uneigennützig ist dieses Interesse allerdings nicht. Nur zu gerne sähe Verdi die, die bei einem der größten Arbeitgeber in Deutschland arbeiten, als Mitglieder in der eigenen Kartei. Im dritten Weg herrscht ein anderes Modell des Umgangs von Konflikten um Lohn und Arbeitsbedingungen: der Gedanke des friedlichen Aushandelns, an dessen Ausgang eine möglichst gute Lösung für alle steht, die aber nie auf Kosten des diakonischen Auftrags geht. Dafür gibt es arbeitsrechtliche Kommissionen und Mitarbeitervertretungen. Dieses Modell setzt voraus, dass alle, die in der Diakonie arbeiten, den „Dienst am Nächsten“ als ihren eigenen Auftrag verstehen. Das kann nur gelingen, wenn der Sinn dieses Auftrags bei der täglichen Arbeit nicht verloren geht. Deshalb müssen die, die in den großen Einrichtungen Verantwortung tragen, immer wieder daran erinnert werden, was es wirklich heißt, „nahe bei den Menschen“ zu sein.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Innenpolitik, Wirtschaft