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Haltung, bitte!

Raubzug im Pyjama

Aus: Ausgabe 27/2011

„Bei meinem Nachbarn liegen zwei Tageszeitungen vor der Tür. Am Nachmittag liegen sie dann ungelesen im Altpapier. Deshalb bin ich dazu übergegangen, mir vor dem Frühstück frühmorgens heimlich eine seiner Zeitungen auszuleihen. Ist das in Ordnung?

Bei der Szene, die Sie schildern, geht die Phantasie mit mir durch. Ich stelle mir vor, wie Sie leise die Haustür öffnen, barfuß und im Schlafanzug über den Gang oder den Bürgersteig schleichen, schnell nach links und rechts sehen, sich das oberste der beiden druckfrischen Zeitungsexemplare schnappen und dann schnell wieder hinter Ihrer Wohnungstür verschwinden. Nichts gegen Ihre Lust, am Weltgeschehen teilzunehmen, aber ist das nicht unwürdig? Ich sage es nicht gerne, aber was sollen die anderen Nachbarn denken, wenn sie Sie bei Ihrem morgendlichen Raubzug erwischen? Oder sind Sie so sehr von dem Gedanken eingenommen, dass die Nachrichten von Gott und der Welt regelmäßig ungelesen und ungewürdigt im Müll verschwinden? Was für eine Verschwendung! Nun könnten Sie natürlich bis zum Nachmittag warten, wenn die nicht mehr ganz so frischen Zeitungen im Container gelandet sind. Aber vermutlich gehören Sie zu den Menschen, für die die Lektüre und der Morgenkaffee zusammengehören. Kann man ja gut verstehen.

Deshalb eine Rückfrage. Was heißt hier „ausleihen“? Genau genommen handelt es sich um Diebstahl. Legen Sie das gelesene Blatt ordentlich zusammengefaltet wieder an den Fundort zurück, vor die Fußmatte des Nachbarn? Oder landet das von Ihnen gewählte Exemplar nur ein paar Stunden früher im Müll? Sie scheinen sich ja eine ganze Menge Gedanken um Ihre Mitleserschaft zu machen. Warum fragen Sie den Nachbarn nicht einfach, ob Sie seine Zeitungen nehmen dürfen? Vielleicht ist er ja ganz froh, weil ihn das schlechte Gewissen plagt: „Schon wieder nicht geschafft, den Politikteil zu überfliegen oder die Todesanzeigen zu studieren.“ Dann soll wenigstens ein anderer sich informieren dürfen. Vielleicht sind die Zeitungen auf der Fußmatte auch nur eine alte Gewohnheit, aus Zeiten, als er noch Gelegenheit oder Muße hatte, wie Sie morgens durch das Weltgeschehen zu blättern. Vielleicht stehen sie für ein anderes Leben. Mit mehr Zeit. Oder mehr Kraft für den Rest der Welt. Sprechen Sie mit Ihrem Nachbarn. Vielleicht wird ja eine praktische Zeitungsteilaktion daraus, von der Sie beide profitieren. Und Sie müssen nicht mehr in Pantoffeln über die Straße schleichen.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie an: haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 27/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch