www.zeit.deProbe-Abo

Brief an die Bundeskanzlerin

Rating

Aus: Ausgabe 04/2012

Nach dem Weihnachtsurlaub stufen die Ratingagenturen wieder munter herum. Michael Rutz wünscht sich, dass Frau Merkel sie lobt. Gegen den Trend.

Was ein Glück, dass jetzt die Ratingagenturen aus dem Weihnachtsurlaub zurück sind. Kaum haben die Jungs ihre Laptops hochgeklappt, beginnen sie wieder fröhlich mit dem Herumstufen der Länder. Das hatten wir an der Krippe unterm Weihnachtsbaum schon schwer vermisst, denn in der Zwischenzeit waren die Zeitungen ja darauf angewiesen, Bonusmeilen und Oktoberfesteinladungen zu kriminalisieren. Sie schlossen sich zu diesem Zwecke zu gar unerhörten Allianzen zusammen.

Derlei kann man aber nicht unendlich weit treiben, höchstens bis zum Bundespräsidenten. Hätten die Kollegen nämlich weiterrecherchiert, wäre ihnen ja aufgefallen, dass alle wesentlichen Journalisten des Landes und sowieso alle in München ihre sozialstatussichernden Oktoberfesteinladungen haben und sie überdies die dienstlichen Flüge privatim verbonusmeilen lassen. Das muss nun gottlob nicht mehr aufgedeckt werden, die Journalisten sind sozusagen vor sich selbst rechtzeitig zurückgeschreckt.

Die neuen Meldungen aus den Rating-Hauptquartieren lassen uns zurückkehren zum wirklich Wesentlichen im Leben: dem Geld. Nix los ohne Moos. Die Herabstufungen erzeugen Streit, endlich, der Konflikt ist bekanntlich ein journalistisches Labsal, weil er eine serielle und nachhaltige Nachrichtenpfründe verspricht. Schon melden sich Politiker aller Länder und kommentieren das alles. Die einen halten die größte Krise nach dem Zweiten Weltkrieg für gekommen. Denen sagt Herr Schäuble, das sei alles gar nicht wahr, alles sei undramatisch, die Schwachstellen im System würden sowieso binnen Kurzem repariert. Die Franzosen meinen herablassend, man solle diese Ratingleute gar nicht mehr ernst nehmen, und außerdem solle man die Gesetze so ändern, dass sich zum Beispiel die Versicherungskonzerne in ihrer Anlagepolitik von einem niedrigeren Rating nicht beeinflussen lassen müssen. Eine solche Äußerung ist, solidarischerweise, auch von Ihnen, verehrte Frau Bundeskanzlerin, überliefert, obwohl man uns Deutsche doch agenturseits ob unserer Stabilitätspolitik über den grünen Klee gelobt hat: musterhaft, diese Merkel-Truppe.

Die Wähler danken es Ihnen. Dem ZDF-Politbarometer entnehmen wir, dass 41 Prozent stimmungsmäßig ganz bei Ihnen sind. Wenn Sie so weitermachen, schafft die CDU die absolute Mehrheit. Zu diesem Behufe hier noch zwei Tipps. Der erste: Lassen Sie es nicht zu, dass Christian Wulff von übel gelaunten Journalisten aus dem Amt gekippt wird. Die Menschen im Lande haben mit ihrer Schwarmintelligenz schon gemerkt, dass da eine Medienkampagne unterwegs war (ist?), und wollen Sie, Frau Merkel, deshalb deutlich solidarisch sehen.

Der zweite: Loben Sie die Ratingagenturen. Die haben die finanzpolitische Kehrtwende im Euro-Raum erzwungen und tun das weiterhin. Es nutzt ja nichts, den Postboten zu morden, nur weil einem der Briefinhalt nicht passt.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2012
Redakteur:
Michael Rutz (Publizist)
Thema:
Brief an die Bundeskanzlerin
Stichworte:
Innenpolitik