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Notizen für die Ewigkeit

Rabbiner in der ersten Reihe

Aus: Ausgabe 02/2012

Es bahnt sich die akademische Anerkennung jüdischer Theologie an.

Deutsche Universitäten streiten sich um islamische und jüdische Studien. Im vergangenen Jahr startete in Münster, Osnabrück und Tübingen der Studiengang Islamische Theologie. Frankfurt/Gießen und Erlangen-Nürnberg sollen folgen. Jetzt verhandelt Rabbiner Walter Homolka, der Direktor des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, in Erlangen und Erfurt über die Schaffung einer jüdischen Abteilung. Regional gibt es jeweils starke Fürsprecher. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) umgarnt Homolka geradezu. Der umtriebige Bayer hatte in der brandenburgischen Landeshauptstadt so etwas wie ein jüdisches Zentrum errichtet. Doch die Potsdamer Landesregierung fremdelt mit der Theologie im Allgemeinen wie mit jüdischen Ansinnen im Besonderen.

Ausgelöst hat diese theologische Offensive in der deutschen Hochschullandschaft ausgerechnet der Wissenschaftsrat. Dieses höchste Beratungsgremium der deutschen Wissenschaftspolitik hatte vor zwei Jahren mehr Religion an den Universitäten gefordert. Dabei gelte es, muslimische und jüdische Theologie zu stärken.

Für Homolka ist die Gründung einer jüdischen Fakultät deswegen auch ein Schlussakkord in der langen Geschichte der jüdischen Emanzipation in Deutschland. Juden kämpften seit 200 Jahren dafür, dass ihre Rabbiner an staatlichen Universitäten studieren können, sagt er. Jetzt, wo die mentale Säkularisierung fortschreitet, bahnt sich die wissenschaftliche Anerkennung jüdischer Theologie an. Passend dazu erschien am vergangenen Montag die erste Ausgabe der Zeitung „Jewish Voice from Germany“. Herausgeber Rafael Seligmann träumte zum Auftakt von einer „Wiedergeburt des jüdischen Lebens in Deutschland“.

Während die christlichen Kirchen angebliche Privilegien und Mitspracherechte verteidigen, entdecken manche die Vorzüge eines kooperativen Umgangs mit den Religionen. Der Wissenschaftsrat erklärt, was der evangelischen und der katholischen Kirche gewährt werde, müsse auch den Kleinen zugestanden werden. Und die Ironie dieser neuen Pluralität könnte sein, dass die Förderung der Minderheiten auch den angeschlagenen Riesen hilft. Wer will denn die katholischen und evangelischen Fakultäten angreifen, wenn man den bevölkerungsmäßig gesehen noch kleinen Gruppen von Juden und Muslimen solche Einrichtungen gewährt? Auch der Wissenschaftsrat meinte darauf hinweisen zu müssen, dass in Deutschland über 50 Millionen Christen leben.

Nur müssten die Kirchen die Strukturen an die Bedürfnisse anpassen, lautet die Mahnung des Wissenschaftsrates. Das will übrigens auch der Berliner Erzbischof Rainer Woelki. Er meldete in einem Interview Reformbedarf an den theologischen Fakultäten an: „Die Kirche muss die Kraft haben, auf diese Fragen Antworten zu finden, bevor sie vom Staat mit Sparvorgaben konfrontiert wird“, sagt er. Studenten müssten auch ein angenehmes Umfeld vorfinden. Ob er damit das attraktive, aber an katholischer Theologie so arme Berlin meinte – etwa im Gegensatz zu Erfurt –, hat er nicht gesagt.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2012
Redakteur:
Volker Resing (Freier Autor)
Thema:
Notizen für die Ewigkeit
Stichworte:
Judentum, Kultur