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Haltung, bitte!

Qual der Wahl

Aus: Ausgabe 33/2013

„Gestern saßen wir mit Freunden zusammen und fragten uns, ob Christen sich bei der Bundestagswahl davon leiten lassen dürfen, ob eine Partei die persönliche Situation verbessern könnte. Oder muss das Gemeinwohl im Mittelpunkt der Entscheidung stehen?“ Sebastian K., Siegen

Wer mitten in der zähen Sommerhitze solche Gespräche führt, ist schon ziemlich ins Gemeinwohl involviert! Das ist natürlich noch keine Antwort, denn auf den ersten Blick scheinen die Interessen einzelner Wählerinnen und Wähler sich mit dem Wohlergehen der ganzen Gesellschaft nicht gut zu vertragen, einmal abgesehen davon, dass es auch nicht einfach ist, genau zu bestimmen, was gut für alle wäre. Einer Rentnerin mag die Zahl der Hortplätze ziemlich gleichgültig sein.

Junge Eltern sorgen sich selten um Armut im Alter. Wer gerade seinen Job verloren hat, findet Steuererhöhungen prima, wer Verantwortung für ein mittelständisches Unternehmen hat, kann über dieser Frage mächtig ins Schwitzen geraten. Doch wer ein wenig über die eigenen Befindlichkeiten hinausgeht, ist sofort vom Ich beim Wir gelandet.

Wenn die Rentnerin nämlich Enkelkinder hat, ist ihr die Frage nach der Zukunft von Kindergarten und Schule nicht mehr so fern. Ein Blick auf die Anrichte, wo aus silbernen Rahmen Gesichter mit Zahnlücken lachen, und die bildungspolitischen Programme der Parteien sind ihr nicht gleichgültig. Vielleicht ist der größte Einwurf des Christentums: Eigennutz und Gemeinwohl sind nur für Kurzsichtige scharfe Gegensätze.

Sie bleiben selbst dann aufeinander bezogen, wenn sie in Widerspruch geraten. Schließlich leben auch die Stärkeren gut, wenn es den Schwachen besser geht. Und die Alten können besser schlafen, wenn die Jungen auch noch eine Zukunft haben. Dafür muss man es sich leisten können, in dem hektischen Politikgeschäft nach langfristigen Perspektiven zu fragen.

Christen können deshalb eigentlich gar nicht anders, als sich darum zu kümmern, wie die politischen Rahmenbedingungen aussehen müssten, damit es dem Gemeinwesen insgesamt gut geht. Sie sollten das auch in Wahlkampfzeiten tun, laut und vernehmlich, aber ohne den Zynismus derer, die sich nach einfachen Antworten sehnen. Die Frage, welche politischen Stellschrauben dafür in Bewegung gesetzt werden müssten, kann (und darf) allerdings auch unter Christen Kontroversen auslösen.

Erschienen in:
Ausgabe 33/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik