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Haltung, bitte!

Protz macht einsam

Aus: Ausgabe 05/2014

„Gestern war ich – als neu Zugezogene – auf einer richtig tollen Geburtstagsparty, das war wirklich eine Ehre für mich! Heute erzählte ich am Telefon einer gemeinsamen Bekannten, die aber nicht dabei war, wie schön das Fest war – ohne Namen zu nennen. Das gibt mir zu denken… Es wird bestimmt in irgendeiner Runde demnächst zur Sprache kommen, und fast fürchte ich ,schräge Blicke‘ zu ernten à la ,Warum hast du denn nicht erzählt, dass es bei A. war? Wie geht man gut mit einer ,Ich bin eingeladen, du aber nicht‘-Situation um?“ E. F., Hamburg

Ein rauschendes Fest statt Neugezogenen-Einsamkeit – da haben Sie Glück. Und alles Recht der Welt, sich daran zu freuen. Für sich allein und laut, in Gegenwart von Freunden. Was wäre das für eine Welt, in der Menschen aus Angst vor heimlichem oder deutlich geäußertem Neid das verschweigen, was einem Gutes widerfährt? Wie so oft macht der Ton die Musik. Sie könnten jetzt mächtig angeben mit Ihrer Einladung bei A. Oder sogar so tun, als sei völlig klar, warum Sie und nicht die anderen Zutritt zur Party hatten. Das wäre mindestens dämlich, vielleicht sogar gemein, wenn Freunde sehnlichst gehofft hatten, selbst auf der Gästeliste zu stehen. Protzen macht einsam.

Aber Sie haben ja eher Skrupel und nehmen offensichtlich noch im Moment großer Freude die Perspektive der anderen ein. Das hat Klasse. Wohl dem, der so sensible Freunde hat! Natürlich kann es sein, dass es Getuschel gibt. Oder uneingestandene hässliche Gedanken. „Wieso durfte die dahin und wir nicht? Wie ist sie nur in den Kreis der Auserwählten vorgestoßen? Was hat sie, was ich nicht habe? Sie ist doch gerade erst hergezogen.“ Menschen sind so. Niemand ist immer souverän.

Wer fühlt sich schon nie übervorteilt, zu Unrecht übersehen oder benachteiligt? Das beginnt bei den Kindergeburtstagen und endet nicht bei den Empfängen beim Bürgermeister. Immer wieder ist geteilte Freude nur halbe Freude. Dabei sollte sie sich doch im Erzählen noch vergrößern können. A. wird schon seine Gründe haben, seinen Geburtstag auch mit Ihnen zu feiern. Lassen Sie sich Ihre Freude an dem schönen Erlebnis nicht verleiden.

Geben Sie Ihrer Überraschung Ausdruck, wenn Sie davon erzählen. Dann freuen sich die meisten sicher mit: „Erzähl mal, wie war es denn? Was für ein schöner Einstand an deinem neuen Lebensort!“


Erschienen in:
Ausgabe 05/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Lebensstil