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Haltung, bitte!

Pling, pling

Aus: Ausgabe 04/2012

„Meine Töchter (vier und sechs) bekommen von einer Tante immer Plastikspielzeug, das lärmt und blinkt und mir auf die Nerven geht. Am liebsten würde ich es sofort entsorgen. Mein Mann sagt, das gehöre sich nicht. Wie sehen Sie das?“ Silke R. aus Wetzlar

Die Geschenkediplomatie braucht auch nach Weihnachten jede Menge Feingefühl. Hand aufs Herz: Welche Eltern kennen das nicht: Das eigene Reich scheint von fremden Wesen bevölkert zu sein, die man niemals selber über die Türschwelle gebeten hätte. Figuren, die blinken und Geräusche absondern, bei denen Erwachsene sich fast zu Tode erschrecken, Gummibären, die singen, sonderbare Gegenstände in grellen Farben, die nur dazu hergestellt worden sind, an den Nervenenden zu sägen. In keinem noch so gut behüteten Kinderzimmer lagern nur Bücher und Holzspielzeug. In jeder Familie scheint irgendeine Tante oder Nachbarin ein Abo auf das unliebsame Spielzeug zu haben. Nehmen Sie es vor allem nicht persönlich. Niemand will Ihre Erziehungsmethoden untergraben. Ihre Tante will nur den Großnichten eine Freude machen. Vielleicht ahnt sie auch, dass sie das Herz der kleinen Mädchen am leichtesten gewinnt, wenn sie Dinge verschenkt, die bunt, laut oder schlecht für die Zähne sind. Kinder mögen das. Wenn Ihnen das Plingpling auf die Nerven geht, können Sie ja den Einsatz des Spielzeugs auf eine Stunde pro Tag beschränken. Solange Sie mit Ihren Töchtern Zeit verbringen, wird dieser Plastikkram dem Nachwuchs nicht schaden. Die Liebe zu den Krachmachergeräten verschwindet meist so schnell, wie sie gekommen ist.

Heimlich verschwinden lassen? Meinen Sie ernsthaft, die Mädchen merken das nicht? Machen Sie sich klar, dass Sie mit verächtlichen Worten auch die Tante verächtlich machen. Bleiben Sie souverän, bieten Sie den Kindern Alternativen an, wenn sie genug Rosa gesehen haben. Und setzen Sie auf den Faktor Zeit. Die Krachmachersachen halten nie lange. Haben sie ihren Batteriegeist erst mal aufgegeben und liegen stumm in der Ecke herum, werden Ihre Kinder sie selbst in der hinterletzten Ecke ihres Zimmers verstauen. Dann haben Sie Ruhe. Bis nächstes Jahr Weihnachten.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik, Lebensstil