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Haltung, bitte!

Passion im August

Aus: Ausgabe 29/2014

„Ich liebe klassische Musik und fahre gern auf die Sommerfestivals, die überall hier bei uns im Norden stattfinden. Beim Durchblättern der Programme fällt mir aber auf, dass immer mehr Musik zur Aufführung kommt, die vom Kirchenjahr her in die Passions- oder Adventszeit gehört. Mich ärgert das so, dass ich der Festivalleitung einen geharnischten Brief geschrieben habe. Meine Freunde finden das übertrieben. Sie auch? Walter K., Lübeck

Pfeffernüsse und Elisenlebkuchen gibt es ab August in den Läden. Wen wundert es, dass zur gleichen Zeit auch schon mal die Weihnachtskantaten erklingen? Der Kulturbetrieb agiert seltsam kulturlos, wenn es darum geht, die Wünsche des Publikums zu erfüllen. Oder ist es nur die Art Gedankenlosigkeit eines professionellen Musikbetriebs, die der geistlichen Musik den Geist austreibt, weil sie nur auf die künstlerische Herausforderung oder die emotionalen Effekte aus ist? Es gibt Experten, die behaupten, die Musik, die für die dunklen Jahreszeiten und dunklen Momente des Christentums komponiert wäre, sei schlicht die bessere. Vielleicht ist das eine Ausrede. Kunstreligiöse Erbauung, die bei Hitzegewittern das Schaurig-Erhabene von „O Haupt voll Blut und Wunden“ hervorruft, verkauft sich nicht nur gut, sie gibt den Festivals auch den nötigen „existenziellen Ernst“, wie es in einem Programm für ein berühmtes Sommerfestival heißt.

Der Musikbetrieb orientiert sich längst nicht mehr am Kirchenjahr. Das bürgerliche Milieu ist vom religiösen Gedächtnisverlust genauso befallen wie die, die am Karfreitag für jeden Rummel zu haben sind. Nun gebe ich freimütig zu, dass ich die Matthäuspassion auch im Sommer höre. Ich höre sie zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen. Hundertprozentige Kirchenjahrstreue ist für meine privaten Hörgewohnheiten nichts.

So geht allerdings nicht nur der Sinn für den Horizont des christlichen Heilsgeschehens verloren, wir verlieren auch ganz profan den Sinn für die Geschichtlichkeit des Lebens, für Abfolgen, Spannungsbögen und Zeitrhythmen. Im Grunde zahlen wir einen hohen Preis für die Mentalität des Immer-alles-wann-immer-wir-Wollen; Hauptsache, es klingt schön. Wir vergessen die Erfahrung des Wartenkönnens und leiden an – nun auch hochkultureller – Verfettung. Also doch kein Passionsspektakel im August. An den Elisenlebkuchen gehen wir doch schließlich auch vorbei. Oder nicht?

 

 

Erschienen in:
Ausgabe 29/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur