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Haltung, bitte!

Öfter umdenken

Aus: Ausgabe 15/2013

„Unser Pfarrer hat sich immer entschieden dagegen gewandt, dass Homosexualität mit dem christlichen Glauben vereinbar sei. Wir haben ihn dafür bewundert, dass er gegen den Zeitgeist ist. Nun hat er seine Prinzipien über Bord geworfen, offenbar, weil ein Sohn von ihm schwul ist. Der ist ein ordentlicher Junge, ein angehender Arzt. Aber ist das Grund genug, um Überzeugungen zu wechseln?“ Siegfried A., Kaiserslautern

Wer seine Überzeugungen so bedenkenlos wechselt wie die Frühlingsmode, ist in der Tat nicht besonders vertrauenswürdig. Aber Prinzipienfestigkeit ist noch nicht zwangsläufig ein Zeichen von Charakterstärke. Denn nur die Überzeugungen sind ja unveränderlich, die für kein besseres Argument zugänglich sind. Offenbar ist ihr Pfarrer in der Lage, seine eigenen Einsichten durch neue Erfahrungen infrage stellen zu lassen. Das ist keine leichtfertige Angelegenheit, sondern sogar ab und an mit inneren Qualen verbunden. Das erfordert innere Größe. Wer gibt schon gerne Irrtümer zu? Wenn es stimmt, dass die Lebensform des eigenen Sohnes ihn zum Umdenken bewegt hat, spricht viel dafür, dass ihr Pfarrer auch ein Vater ist, der seinem Kind zuhört, der seine Einwände ernst nimmt und sich neu mit Fragen auseinandersetzt, die er vielleicht schon vor 20 Jahren für beantwortet hielt. Müssten Sie sich jetzt nicht eigentlich fragen, ob das auch für Sie gilt?

Gehen Sie doch davon aus, dass Ihr Pfarrer es sich nicht einfach gemacht hat mit seiner Entscheidung, seine harte Haltung aufzugeben. Sie wissen ja nichts über die inneren Zerreißproben, über die Wortwechsel oder über das Unverständnis, das zwischen Vater und Sohn geherrscht haben mag. Sie wissen auch nichts über den Schmerz, den der Sohn gespürt haben könnte, als ihm klar wurde, dass sein Leben mit den Überzeugungen des Vaters kollidiert. Manche theologische Einsicht ist aber am Schreibtisch gewonnen worden, in sicherer Distanz zu denen, über die das Urteil gesprochen wird.

Vielleicht hat auch Ihr Pfarrer Homosexualität mit wilden Partys von Männern mit nacktem Oberkörper gleichgesetzt, die ohne Sinn für Treue und Verantwortung sind. Und nun sitzt der eigene Sohn vor ihm, dieser „ordentliche Junge“, den er liebt und den auch Sie in der Gemeinde offenbar schätzen. Liebe vermag viel, sogar Weltbilder können einstürzen. Fragen Sie Ihren Pfarrer doch, wie er seine neue Einstellung begründet.

 

Erschienen in:
Ausgabe 15/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch