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Satire

Jürgen Becker: Nur über Macht wird gelacht

Aus: Ausgabe 30/2012

Der Witz kann noch so schlecht sein, die Fallhöhe entscheidet über seine Brisanz

Rein handwerklich ist das „Titanic“-Titelbild solide, aber nicht ungewöhnlich gearbeitet. Die Pointe beruht auf den zwei Bedeutungsebenen des Begriffs „undichte Stelle“. Diese Formulierung passt sowohl auf die peinlichen Intrigen im engsten Umkreis des Papstes als auch auf jenes menschliche Malheur im Schritt, welches hier durch die künstlerische Freiheit des Cartoonisten zum Zünder der Pointe wird. So weit also erst mal nichts Besonderes.


Woher kommt nun die mediale und satirische Wucht der ansonsten gewöhnlichen Arbeit des Satirikers? Beim Humor gilt die Formel: Je länger das Ssssssssit, desto größer das Bums!

Die Fallhöhe entscheidet über die Sprengkraft der Pointe. Daher sind geistliche Würdenträger seit je ein nie versiegender Quell der Erheiterung, von Voltaire bis zu den unzähligen volkstümlichen Witzen über Pastöre und deren Haushälterinnen. Nirgends ist der moralische Anspruch höher als beim Klerus. Also kann auch die Fallhöhe nicht höher sein. Stellen wir uns die gleiche Zeichnung mit einem betrunkenen Fußballfan vor – selbst unter dem Mikroskop wäre die Fallhöhe kaum messbar.

Nun führt der „Titanic“-Titel zu heftigen Reaktionen bei Papisten. Verblüffenderweise entstand das Papsttum ähnlich wie das Titelbild der „Titanic“, nämlich durch das Spiel mit zwei Bedeutungsebenen ein und desselben Wortes. Als Kaiser Konstantin das Machtzentrum des Römischen Reiches nach Osten verlagerte, sagte sich der Bischof von Rom: „Wenn der Kaiser – der weltliche Cäsar – nach Byzanz zieht, kann ich doch hier in Rom den religiösen Cäsar machen. Ich werde nun Stellvertreter Gottes auf Erden.“ Nur wie begründet man so eine Schnapsidee? Das gab es ja bisher noch nicht. Man muss eine Bibelstelle finden, die darauf hinweist. Die gibt es aber nicht. Also muss man eine finden, die passt. Da passt aber nichts. Dann muss man eine finden, die passend gemacht werden kann – und das nennt man Theologie!

Der Satz lautet: „Jesus sagt: Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen.“ Jetzt heißt Fels auf Lateinisch zufällig Petrus. Eine Bedeutung, die auch auf einen der Apostel zutrifft. Diese zwei Bedeutungsebenen – vgl. „undichte Stelle“ – werden der Zündfunke des zukünftigen Papismus. „Petrus soll doch mal in Rom gewesen sein. Wir glauben an den Gottessohn und bauen einen Petersdom.“ So ähnlich wird man gerufen haben. Denn einzig die doppelte Bedeutung ist die geistige Grundlage des Vatikans. Hieße Fels auf Lateinisch nicht Petrus, sondern Konrad, so hieße die Kirche heute nicht Petersdom, sondern Kondom. Die Begründung der römisch-katholischen Kirche beruht also auf einem Witz. Dass ausgerechnet der Papst nun die Zeitschrift „Titanic“ verklagt, ist eine Überreaktion, die weitere Pointen produzieren wird.

Das Verhältnis von Kirche und Humor war nie ungestört, da Lachen immer mit Kontrollverlust einhergeht. Lachen ist ein Reflex, ähnlich wie ein Orgasmus. Lustig und Lust sind Geschwister. So ist die Leib- und Lustfeindlichkeit der Kirche vielleicht die dritte Ebene, die der „Titanic“-Zeichner hier berührt. Wer lacht, benutzt dabei 80 Muskeln! Auch den Schließmuskel. Daher kommt der Begriff: „Ich habe mich bepisst vor Lachen.“ Warum sollte man eine solche himmlische Lust dem Papst nicht gönnen? So gesehen ist das vielgescholtene Titelbild nichts als ein frommer Wunsch.

Erschienen in:
Ausgabe 30/2012
Redakteur:
Jürgen Becker (Kabarettist)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Kultur, Medien, Papst