Editorial
Nun prüfen Richter, wer nicht ganz dicht ist
Aus: Ausgabe 30/2012
Benedikts Klage gegen die „Titanic“ ist berechtigt, klug ist sie nicht

Der Papst möchte nicht als inkontinenter Greis dargestellt werden. Das ist sein gutes Recht. Das ist das Recht eines jeden, der sich von Medien – und keineswegs nur von Satireblättern – unwürdig behandelt fühlt. „Der lange Arm des Vatikans“, titelte eine Tageszeitung nach der einstweiligen Verfügung gegen die „Titanic“. Doch so lang ist der Arm der katholischen Kirche nicht mehr. Der Pontifex kann keine Truppen mobilisieren, er hat nicht die Katholiken aufgerufen, die Kioske zu stürmen. Er hat sich schlicht auf den deutschen Rechtsweg gemacht. Nun prüfen Juristen, wer nicht ganz dicht ist.
Die Klage ist berechtigt, klug ist sie nicht. Wer glaubt schon, dass Benedikt XVI. in Castel Gandolfo die Juliausgabe der „Titanic“ liest, während er an seinem dritten Jesus-Buch schreibt? Wer glaubt schon, dass es seinen Beratern tatsächlich um das Menschenbild geht? Wer glaubt schon, dass im Vatikan mehr Platz für Mitleid ist als in einer Frankfurter Sponti-Redaktion?
Als berufsbedingter Beobachter katholischer Vorgänge ist man eher geneigt, einen Zusammenhang zwischen der „Anwaltshure“, mit der das kirchliche Verlagshaus Weltbild in Doppelmoralverdacht geriet, und den aktuellen anwaltlichen Ambitionen zu sehen. Vor einigen Monaten war es das konservativ-konspirative Lager, das eine Kampagne gegen den angeblichen Porno-Laden Weltbild lostrat; nun kommen die Verteidiger des Katholischen aus der Mitte der Deutschen Bischofskonferenz. Wir Liberalen, soll das wohl zeigen, lassen uns nicht mehr vorführen, wir können auch gegen Schmuddelkram und Geschmackloses kämpfen, wir – und nicht nur die Geiferer – stehen in Treue fest zu Benedikt.
Viel Unterstützerpost für den Kläger ging bei der Bischofskonferenz ein. „Unfassbar schlecht beraten“ sei dieser Papst, zürnte dagegen Christian Geyer in der „FAZ“. Die katholische Szene tendiert also uneinheitlich. Die nicht mehr katholische allerdings auch. Die Satiriker Jürgen Becker und Anselm Neft haben ihre Kirchenmitgliedschaft hinter sich, für Christ & Welt nehmen sich die beiden den katholischen Kosmos vor.





