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Haltung, bitte!

Noch mal Patin? Nein

Aus: Ausgabe 38/2011

„Da ich selbst keine Familie habe, haben mich Freunde und Geschwister zur Patin gemacht. Ich bin gern mit Kindern zusammen, passe oft auf sie auf und begleite sie gern. Aber nun hat eine sehr gute Freundin mir wieder ein Patenamt angetragen. Mir wird das zu viel. Kann ich ablehnen oder muss ich diese Ehre annehmen?“

Ihre Geschwister, Freunde und Patenkinder sind zu beneiden. Denn sie haben eine Patin wie aus dem Bilderbuch: Sie mögen Kinder und haben offensichtlich einen Sinn für die Verpflichtung, die mit dem Patenamt verbunden ist: sich aktiv an der christlichen Erziehung der Kinder zu beteiligen. Das entlastet die Eltern in einer sehr sensiblen Frage. Dank Ihnen wissen sie, dass sie nicht alleine sind mit der Aufgabe, den Nachwuchs ins Leben zu begleiten. Für die Kinder ist die Zeit mit Ihnen sicher eine tolle Abwechslung. Im ganz normalen Chaos des Erwachsenwerdens können Sie Vermittlerin, Trösterin, Beraterin oder Zuhörerin sein, der keine Kleiderfrage zu banal und kein Liebeskummer zu unbedeutend ist. Und manchmal zu geheim, um ihn mit Eltern zu teilen. Kein Wunder, dass die Wahl bei der Suche nach der geeigneten Patin so oft auf Sie fällt. Vielleicht wollen die, die Sie lieben, sie insgeheim auch ein wenig für die entgangenen Elternfreuden entschädigen. Als Patentante sind Sie Teil der engen Familienbande, Sie gehören dazu.

Über den hehren Motiven mag aber auch ein Schatten liegen. Schnell heißt es nämlich bei den gestressten Eltern: „Die hat doch Zeit (und Geld), sie hat ja selbst keine Kinder.“ Ihr Leben erinnert Freunde und Geschwister vielleicht auch an das Gefühl, selbst einen Verlust in Kauf genommen zu haben. „Ach, sie hat jeden Abend frei. Wir schaffen es nicht einmal im Monat ins Kino.“ So wird aus der Patentante schnell die billige Babysitterin mit den teuren Geschenken.

Lassen Sie sich auf diese Rolle nicht ein. Umsorgen Sie die Patenkinder, die Sie schon haben, aber signalisieren Sie Freunden und Geschwistern, dass Sie auch ein eigenes Leben haben, mit Vergnügungen und Verpflichtungen, für die Sie Freiraum brauchen. Ja, das Patenamt ist eine Ehre. Doch manchmal gibt es auch hier zu viel des Guten. Dann wird sogar das Beste schlecht, weil ein Patenamt keine lästige Pflicht oder gar eine Belastung sein sollte. Eine Patin aus Pflichtgefühl ist letztlich keine gute Lösung. Bedanken Sie sich für die Anfrage und sagen Sie Nein, damit Sie auch in Zukunft die tolle Patentante bleiben, die Sie jetzt sind.

Erschienen in:
Ausgabe 38/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Familie