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Haltung, bitte

Nichts für Feiglinge

Aus: Ausgabe 06/2012

„Vor einigen Jahren habe ich den Kontakt mit meiner Schwester abgebrochen, weil Dinge vorgefallen sind, die mich tief verletzt haben. Nun will unsere alte Mutter, dass wir uns versöhnen, bevor sie stirbt. Meiner Schwester täte alles sehr leid und sie wolle sich entschuldigen. Ich müsse ihr verzeihen, sagt meine Mutter. Muss ich das?“ Almut G., Karlsruhe

Verzeihung kann niemand erzwingen, nicht einmal die kranke Mutter. Aber haben Sie einmal überlegt, dass Ihre Mutter gar nicht an sich, sondern an Sie, Ihre Tochter, denkt? Wie schlimm mag das, was Ihre Schwester Ihnen angetan hat, sein, wenn Sie Ihre Wunde noch nach Jahren so gut pflegen, dass sie auf keinen Fall vernarben kann? Chronische Verletzungsschmerzen quälen ja vor allem die, die nicht verzeihen können. Unwahrscheinlich, dass für den Gesprächsabbruch nur die Schwester bezahlt, obwohl das Schweigen in einer Familie eine brutale Strafe ist.

Nur machen Sie sich doch auch selbst unglücklich. Hannah Arendt. die jüdische Philosophin, die mit knapper Not der Schoah entronnen ist und es sich mit dem Vergebenkönnen wirklich nicht leicht gemacht hat, hat einmal gesagt, Verzeihen sei ein Akt der Freiheit, ohne den eine menschliche Gesellschaft nicht auskommen könne. Nur im Verzeihen sei es möglich, dass die Folgen dessen, was uns geschehen ist (und was wir anderen angetan haben), uns nicht wie eine unsichtbare Fessel binden. Die Vergangenheit ist ein Tyrann, sagt sie. Verzeihen ist ein Akt des Widerstands gegen die Übermacht der schlimmen Taten, aus denen es kein Entrinnen gibt. Im Verzeihen gewinnen wir Freiheit zum Neuanfang zurück. Vergebung erlöst vom Aufrechnen, von Rachegedanken und von dem Wunsch, es dem anderen heimzuzahlen.

Die böse Tat wird im Verzeihen keineswegs verharmlost. Aber sie verliert ihre boshaften Folgen über uns. Ein tollkühner Gedanke, den die Philosophin dem Leben Jesu abringt. Vergeben ist nichts für Feiglinge. Eigentlich warten wir darauf, dass uns der befreit, der uns das Leben schwergemacht hat. Aber dieses Warten macht passiv. Holen Sie sich Ihre Freiheit zurück, indem Sie verzeihen üben. Üben kann durchaus wörtlich gemeint sein. Vergebung ist eine Gabe, die nicht nur einmal und mit großer Geste geschenkt wird. Wenn Sie Ihrer Schwester verzeihen, ist das erlittene Unrecht nicht aus der Welt. Aber es muss sich nicht mehr in den Vordergrund spielen. So kann eine Narbe wachsen und die Beziehung heilen.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie