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Insolvenz

"Nicht einfach kneifen"

Aus: Ausgabe 06/2014

Warum Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates Weltbild für kulturell bedeutend hält

Foto: Mathias Krohn/ullstein bild

Christ&Welt: Haben Sie schon einmal etwas bei Weltbild gekauft?
Olaf Zimmermann: Nein, muss ich zugeben. Wenn ich Bücher im Internet bestelle, dann bei Amazon. Politisch viel korrekter wäre sicher Weltbild, weil die Marktmacht von Amazon beängstigend ist.

C&W: Ist es die Aufgabe der katholischen Kirche, ein Monopol
im Internet zu verhindern?

Zimmermann:
Es ist natürlich nicht ihre Hauptaufgabe. Aber die Kirche hat nun einmal dieses große Unternehmen Weltbild, und da sollte sie sich schon fragen, wie die Zukunft des Buchmarktes aussieht. Sie hat zudem eine Verantwortung für die Filialen am Ort. Wir haben einen massiven Rückgang kleiner Buchläden erlebt. In den letzten zehn Jahren wurde jede vierte inhabergeführte Buchhandlung geschlossen. Daran waren Weltbild, Hugendubel und Thalia nicht unbeteiligt. Jetzt sind die großen Ketten übrig geblieben, da wäre es fahrlässig, auch deren Filialen noch zu schließen. Die katholische Kirche könnte selbstbewusst sagen: Wir sorgen für eine kulturelle Infrastruktur, dazu gehören auch Buchhandlungen.

C&W: Sie halten es für richtig, wenn die deutschen Bistümer Weltbild mit 65 Millionen Euro stützen?

Zimmermann:
Ich kann nicht beurteilen, ob das marktwirtschaftlich richtig ist. Aber kulturpolitisch ist es auf jeden Fall sinnvoll. Wenn auch noch die Buchläden eines so großen Anbieters mit in die Insolvenz gerieten, würde der stationäre Buchhandel noch schneller verschwinden.

C&W: Kann denn die katholische ?Kirche etwas besser als ein anderer Akteur auf dem Buchmarkt?

Zimmermann:
Nein. Es gibt sicherlich keine große Kundengruppe mehr, die sagt: „Ich bin katholisch und kaufe deshalb meine Bücher bei einem Versandhaus, das der katholischen Kirche gehört.“ Es geht auch nicht, dass ein solches Unternehmen nur Bücher anbietet, die der katholischen Sittenlehre entsprechen. Ein Händler muss wertneutral sein. Das mag Bischöfen schwerfallen, aber wenn ihnen das unmöglich ist, dürfen sie keine Unternehmer sein.

C&W: Und in ein wertneutrales Angebot soll Kirchensteuergeld fließen?
Zimmermann: Die Kirche wollte Unternehmer sein, wusste aber offenbar nicht so genau, warum eigentlich. Sie hat Verantwortung für die Beschäftigten und für die Geschäftspolitik. Da kann sie nicht einfach kneifen.

C&W: Nehmen Sie die katholische Kirche als kulturpolitischen Akteur wahr?

Zimmermann: Ja, sicher. Ich habe 2007 ein Buch mit dem Titel „Die Kirchen, die unbekannte kulturpolitische Macht“ veröffentlicht. Die Kirchen sind einer der größten Kulturträger in Deutschland. Wenn ein kulturelles Unternehmen wie Weltbild in Schieflage gerät, ist das nicht nur eine soziale, sondern auch eine kulturpolitisch Frage.

C&W: Worin besteht der Beitrag von Akkuschraubern und „Shades of Grey“ zum kulturellen Leben?

Zimmermann:
Kultur besteht doch nicht nur aus anspruchsvoller Literatur und Opern-DVDs! Wer auf diesem Markt mithalten will, muss jedes Buch und jede DVD liefern. Aber natürlich keine Akkuschrauber. Man kann als Händler nicht seine eigenen Geschmacksvorstellungen zum Maßstab machen. Auch Groschenromane haben ihre Berechtigung, auch sie tragen zum kulturellen Leben bei.

C&W: Weltbild wurde 1948 gegründet. Sind die Zeiten, da man mit Zeitschriften und Büchern missionieren konnte, vorbei?

Zimmermann:
Für normale Buchhandlungen sind diese Zeiten nicht vorbei. Aber ein großes Rad wie bei Weltbild kann man mit christlichen Titeln alleine nicht drehen. Das katholische Kerngeschäft erreicht keinen Massenmarkt, damit mache ich nicht den Umsatz, der über 6000 Mitarbeiter rechtfertigt.

C&W: Warum sind esoterische Bücher erfolgreicher als christliche?

Zimmermann:
Die Menschen suchen Halt und Zuspruch, aber sie wollen keine Bevormundung. Das Esoterische spricht das Gefühl an, die katholische Kirche hat zu lange auf Gehorsam gesetzt und die moralische Keule geschwungen. Damit zeigt man aber noch keinen positiven Weg auf. Beide Kirchen haben eine Lücke gelassen, eigentlich gäbe es den Esoterik-Markt in dieser Größe nicht, wenn die Kirchen gut gearbeitet hätten.

Olaf Zimmerman ist seit 1997 Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Dem Kulturrat gehören 236 Kulturverbände und -organisationen an.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2014
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Wirtschaft