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Haltung, bitte!

Nebenrolle: Vater

Aus: Ausgabe 46/2011

„Wir leben in einer lesbischen Partnerschaft mit unserem sechsjährigen Sohn. Als Samenspender wählten wir den Cousin meiner Lebensgefährtin,...

...einen US-Amerikaner, der auf alle Vaterschaftsansprüche verzichtete. Er lebt in Kalifornien und hat Drogenprobleme. Nun sah er den Hollywoodstreifen „The Kids are All Right“ und will jetzt die Vaterschaft gerichtlich durchsetzen. Wie können wir den Umgang denn noch verhindern?“

Da geht ein Mann ins Kino. Auf der Leinwand läuft ein Film über das ganz normale Chaos einer nicht ganz normalen Familie. Zwei Frauen, ein Kind, ein Erzeuger, der seine Vaterrolle entdeckt. Der Film ist auch in Deutschland wochenlang in den Kinos gelaufen – eine Familienkomödie mit Happy End. Das sagt viel über den Grad der Akzeptanz neuer Familienformen, verrät natürlich nichts über den neuen Grad der moralischen Komplikationen, die die Reproduktionsindustrie uns eingehandelt hat, und schon gar nichts über die Verwicklungen des internationalen Familienrechts. Mit dem Filmhelden im Rücken wittert offenbar der Mann, der Ihnen zu einem Kind verholfen hat, eine Gelegenheit auf eine neue Rolle in seinem eigenen Lebensfilm. Hat es eine Aussprache gegeben, bevor der Brief vom amerikanischen Anwalt in Ihrem Briefkasten lag? Und was wollen Sie Ihrem Sohn über seinen Erzeuger sagen, der nicht sein Vater sein soll? Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, ihm in der Familie eine Nebenrolle zuzugestehen, als Vater, der weit weg lebt, aber Kontakt zu seinem Kind haben darf? Da Ihre Lebensgefährtin auch die Cousine dieses Mannes ist und Sie ihm die wichtige Rolle als Samenspender angetragen haben, kann er ja ein so übler Kerl nicht immer gewesen sein. Prüfen Sie deshalb auch Ihre eigenen Gefühlsaufwallungen. Haben Sie Angst um das Gleichgewicht Ihrer kleinen Familie? Oder dass Ihr Sohn hin- und hergerissen wird? Holen Sie sich seelsorgerliche oder psychologische Begleitung. Erwägen Sie eine Mediation. Diese Form der Schlichtung hat sich bei internationalen Familienkonflikten bewährt. Sorgen Sie sich nicht um die Liebe Ihres Kindes. Ihr Sohn kann auch eine weitere Person in sein Herz einschließen, ohne dass er von der Liebe zu Ihnen beiden etwas abziehen muss.

Erschienen in:
Ausgabe 46/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik