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Haltung, bitte!

Nebel vergeht

Aus: Ausgabe 41/2012

„Vor wenigen Tagen ist der Großvater meines Patenkindes und Schwiegervater meiner besten Freundin gestorben. Weil ich dem Partner meiner Freundin nicht sofort per SMS oder Telefon kondoliert habe, hat er mich von der Trauerfeier ausgeladen und beschimpft, ich würde mich lieber um mein Vergnügen als um sein Leid kümmern. Dabei wollte ich mein Beileid nur persönlich ausdrücken. Ich dachte, ich gehöre fast zur Familie, und habe während der langen Wochen der Sterbebegleitung die Kinder betreut, um die Situation erträglicher zu machen. Die Ausladung hat mich tief verletzt und ich weiß nicht, wie ich ihm begegnen soll.“ Andrea V., Large

Die Trauer macht ungerecht. Wenn noch die Erschöpfung der durchwachten Nächte dazukommt, kann der Tod auch das Ende einer unerträglichen Spannung bedeuten, die sich unversehens löst. Offenbar wurden Sie nun das Opfer dieser Eskalation der Gefühle. Offenbar gehören Sie wirklich zur Familie Ihrer Freundin, denn Sie helfen nicht nur mit Worten, sondern packen mit an, wenn es nötig ist. Sicherlich haben die beiden Kinder und die Freundin gemerkt, dass Sie ihnen Halt und Entlastung gegeben haben. Oder war Ihre Freundin so damit beschäftigt, ihrem Mann das Leben zu erleichtern, dass Sie auch für sie unsichtbar wurden? Ihr Freund hat Ihre Hilfe, wenn überhaupt, vermutlich nur aus der Ferne realisiert. Wer in so einem Ausnahmezustand lebt, nimmt die Welt oft wie durch Nebel wahr.

Der Satz, den er Ihnen entgegenschleudert, mag zum Ausdruck bringen, was er wochenlang gefühlt hat: Um ihn herum dreht sich die Welt weiter, als wäre nichts. Freunde lachen über schlechte Witze, ärgern sich über verpasste U-Bahnen oder erzählen vom letzten Kurzurlaub. Es mag sogar sein, dass Sie unversehens zur Vertreterin der „Welt da draußen“ wurden, als Sie mit den Kindern herumgealbert haben, um so viel Normalität wie möglich zu schaffen. Haben Sie auf ein Dankeschön gehofft und fühlen sich jetzt doppelt zurückgestoßen? Geben Sie Ihrem Freund etwas Zeit. Gewähren Sie ihm den Aufschub echter Trauer. Hoffentlich wird er in ein paar Wochen von selbst über sich erschrocken sein. Dann ist Zeit für ein klärendes Gespräch und eine Entschuldigung. Ich lese übrigens nichts von Ihrer besten Freundin: Fühlen Sie sich von ihr verraten? Oder ist sie hin- und hergerissen? Echte Freundschaft kann auch den Tumult dieser Emotionen aushalten. Zur Not durch Wartenkönnen.

Erschienen in:
Ausgabe 41/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik, Lebensstil