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Haltung, bitte!

Muße oder Moral

Aus: Ausgabe 52/2013

„In den letzten zwei Jahren wurde die Vorweihnachtszeit für mich als Mutter von drei Kindern und großer Familie immer beschaulicher. Ich kaufe grundsätzlich alle Geschenke im Internet. Nun soll auch das genauso verwerflich sein wie der unchristliche Einkaufsstress, weil die Arbeitsbedingungen bei Amazon und Co. teilweise menschenverachtend sind. Vertragen sich Muße und Moral nicht mehr? Ilona B., Bremen

Sie stellen ja eine böse Alternative in den Raum. Wenn man das Dilemma nur gehörig zuspitzt, kommt der Gegensatz von Muße und Moral heraus. Im Licht der Kerzen die Geschenke für die Lieben per Mausklick zu besorgen, anstatt sich durch verstopfte Innenstädte zu kämpfen, ist eine neue Form des entspannenden Weihnachtsshoppings. Die Muße stellt sich damit nicht automatisch ein, aber immerhin sind Besorgungen schnell gemacht. Da bleibt dann Zeit fürs Singen und Plätzchenbacken. Wer denkt schon darüber nach, wer die Pakete packt, die möglichst am nächsten Tag vors Haus gestellt werden. Per Mausklick kaufen wir uns Zeit, die andere nicht haben. Nicht mal zum Pinkeln oder Verschnaufen während eines harten Arbeitstages.

Muße und Maloche waren schon immer ungleich verteilt, aber wenn Mindeststandards nicht eingehalten werden, wenn Menschen ausspioniert oder miserabel bezahlt werden, dann kann nur der den Bummel mit Laptop und Kreditkarte genießen, dem jegliche Fantasie abhandengekommen ist. Moral braucht vor allem Einbildungskraft, um über die Folgen des eigenen Handelns nachzudenken. Hier sind die Kunden wahrhaft Könige. Sie müssen nicht alles mitmachen. Das Internet ist weder gut noch böse. Im Schatten der Giganten wachsen kleine Läden, die man in keiner Innenstadt findet, Portale, wo kreative Köpfe alles feilbieten, was man braucht oder einfach nur schön ist. Hier kann man Patenschaften für seltene Schlangen erwerben oder einen Computer für eine Schule in Manila, Weihnachtslieder-Karaoke machen oder Wahlgroßmütter kennenlernen. Es liegt an uns, aus dem World Wide Web einen menschenfreundlicheren Raum zu machen. Die Technologie haben wir, die Kultur fehlt noch.

Erschienen in:
Ausgabe 52/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch