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Haltung, bitte!

Muss der Lack ab?

Aus: Ausgabe 12/2012

"Darf eine Pastorin roten Nagellack tragen? Das frage ich mich seit letztem Sonntag. Die bunten Finger haben mich regelrecht von meiner Andacht abgelenkt. Gibt es nicht auch einen Knigge fĂŒr Geistliche?" Reiner S., Itzehoe

Ach, es gibt Haltungsfragen, die mĂŒssen sich Katholiken nicht stellen, seufzte eine Freundin, die ich um Rat bat. Sie ist fĂŒr die Ausbildung von Pastoren und Pastorinnen zustĂ€ndig. Von ihr habe ich erfahren, dass es eine Art Knigge fĂŒr Geistliche gibt, der auch auf die angemessene Kleidung im Gottesdienst eingeht. Keine Tennissocken unter dem Talar, heißt es da. Oder: schwarzes Schuhwerk anstelle von Gesundheitslatschen. Geputzte Brille, sauberes Taschentuch in der Hose, keine bunten Sportleruhren. Alles Tipps aus der Zeit, in der die Kanzeln von MĂ€nnern dominiert wurden. Die Botschaft gilt allen, die den Gottesdienst gestalten: Stellt euch mit eurem persönlichen Geschmack, euren farblichen Vorlieben, eurer Lust an Mode oder eurer Neigung zur Bequemlichkeit nicht in den Vordergrund. Ordnet euch dem Geschehen unter, fĂŒr das ihr Verantwortung tragt. Nur das hat Stil. Gottesdienst meint schlicht: Gott, nicht irgendwem sonst, die Ehre zu geben.

Sein statt Schein, das war immer schon eine dumme Alternative. Äußerlichkeiten zĂ€hlen auch im evangelischen Raum. Sie können Innerlichkeit fördern oder verhindern. Schludrigkeit ist allerdings genauso ein Statement wie grĂŒne Haare. Beide können der Gemeinde zum Ärgernis werden, nur nimmt jeder an anderen Dingen Anstoß.

Doch leider ist es nicht so einfach mit der optischen Diskretion der Ordinierten. Wie viel Persönlichkeit vertrĂ€gt das Amt? Und wie viel IndividualitĂ€t braucht es, damit die, die da im Altarraum stehen, nicht wie Puppen wirken? Wie viel Sinn fĂŒr Farbe oder Stil oder eine kleine feminine Note hinter dem preußischen Gewand, das eindeutig fĂŒr MĂ€nner erfunden wurde? Neulich regte sich eine Journalistin darĂŒber auf, dass die Pastorinnen alle aussehen wie graue MĂ€use. Wenn der Gott, den sie predigen, genauso langweilig ist, dann besten Dank auch, grummelte sie. Vielleicht hĂ€tten ihr die roten FingernĂ€gel so gut gefallen, dass sie sich auf die Predigt konzentriert hĂ€tte. Wie sagt Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Korinth: „Es ist alles erlaubt, aber es dient nicht alles zum Guten.“ Das bezieht sich nicht nur auf das Styling der Pastorin, sondern auch auf den kritischen Blick des Gemeindeglieds.

Erschienen in:
Ausgabe 12/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Kultur, Lebensstil