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Haltung, bitte

Mund und Moral

Aus: Ausgabe 19/2013

„Vor ein paar Tagen haben wir im Freundeskreis beim Abendessen darüber gestritten, ob man immer die Wahrheit sagen sollte. Ist es nicht manchmal barmherziger, die Wahrheit zu verschweigen? Kann es nicht sogar moralischer sein, den Mund zu halten?“ Für die gesamte Gästeschar: Lore Sch., Bremen

Haltungen lassen sich nur schwer aus dem Kontext lösen, in dem sie gefragt sind. Aber wenn bei dem Austausch mit anderen Szenen vor Augen stehen, an denen die eigene Haltung auf die Probe gestellt wird, wird aus dem grünen Tisch ein Experimentierfeld alltagstauglicher Ethik. Um welche tückische Situation haben Sie denn gestritten? Ob es richtig ist, seinen Banknachbarn zu verpetzen, weil der mit einem Gummigeschoss auf die Rückseite der Lehrerin zielte? Oder ging es darum, einem Sterbenskranken seinen Zustand zu verschweigen? Ging es darum, der Freundin sanft klarzumachen, dass ihr Gelb nicht steht, oder überlegten Sie gemeinsam, ihr zu verschweigen, dass Sie ihren Ehemann neulich in inniger Umarmung mit einer 20-Jährigen gesehen haben?

Die Frage, ob Verschweigen, eine kleine Schummelei oder gar eine knallharte Lüge ein milderer Ausweg als die Wahrheit seien, stellt sich in allen Situationen, auch wenn sie ansonsten weder in der Dramatik noch in den Konsequenzen etwas gemeinsam haben. Wenn es darum geht, andere Menschen bloßzustellen, kann es in der Tat angebracht sein, sich mal auf die Zunge zu beißen.

Es gibt ja Zeitgenossen, die einem ihre ganz persönliche Wahrheit ungebremst und lauthals vor den Latz knallen, im Namen der Wahrhaftigkeit. So wird die Wahrheit zum Nahkampfmittel. Aber oft dient umgekehrt die sogenannte Notlüge, wenn sie für andere gesprochen wird, eher der eigenen Bequemlichkeit als der Barmherzigkeit. Denn in der Tat ist die Wahrheit oft unerträglich. Deshalb geht es meistens nicht darum, ob, sondern wie die Wahrheit ausgesprochen wird. Denn in der Regel ahnen Menschen ja längst, was Freunde ihnen verheimlichen wollen.

Aber wer Menschen die Wahrheit sagt, kann sich nicht umdrehen und gehen. Wahrheit macht nur frei, wenn sie sich mit Liebe verbindet. Denn die Wahrheit über das Leben des einen bedeutet meistens eine Verpflichtung für die anderen, sie verlangt nach Beistand, nach Trost und nach Begleitung.

 

Erschienen in:
Ausgabe 19/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch