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Haltung,bitte!

Müll statt Magenta

Aus: Ausgabe 24/2014

„Am Donnerstag habe ich zufällig den Eröffnungsgottesdienst beim Katholikentag im Fernsehen gesehen – und mich geschämt für meine Kirche. Unsere Bischöfe in Mülltüten, die Liturgie kaum noch zu erkennen, die Gläubigen unter Schirmen versteckt und in unvorteilhafter Pose groß auf den Bildschirm geholt. Macht sich die Kirche so nicht lächerlich? Vertragen sich Gottesdienste überhaupt mit dem Fernsehen?“ W. Schneider, Osnabrück

Wenn Sie die Wetterfrage stellen, bin ich die falsche Adressatin. Wäre der Eröffnungsgottesdienst bei strahlendem Sonnenschein, mit fröhlichem Volk und Bischöfen, bei denen das Magenta noch heller strahlt als die Gesichter der Pfadfinder, für Sie weniger ärgerlich? Es soll ja Menschen geben, die vom kuscheligen Sofa die Katholikentagsbesucher bewunderten, die trotz des Regens ihrer Gottesdienstpflicht nachkamen, mit stoischem Vergnügen.

Ich kann Ihnen verraten, wer vor Ort war, fand die Mülltütenmode ziemlich attraktiv. Ein kleines Zeichen für die neue arme Kirche? Die gelben Gewänder machten die Gläubigen ihren Bischöfen nicht nur für eine Stunde etwas gleicher, sie schützten wirkungsvoll vor klammen Klamotten. Über Sakropop und Freiluftevents darf man natürlich diskutieren. Beide sind eine Sache des Geschmacks. Ob sich die Kirche zum Narren macht, ist deshalb schwer zu entscheiden. Die, die in Regensburg dabei waren, würden das vermutlich bestreiten. Heiliger wird ein Gottesdienst allerdings nicht, nur weil er in einer Kathedrale zelebriert wird und die Anwesenden ihr schönstes Festtagsgesicht tragen. Das Volk Gottes, so könnte man es etwas pathetisch sagen, kann überall Gottesdienst feiern.

Ob es klug ist, sich dabei mit Kameras zu umgeben? Vielleicht ändert sich Ihre Perspektive, wenn Sie die fragen, die bettlägerig sind oder an ihre vier Wände gebunden bleiben. Ein Fernsehgottesdienst ist ein dürftiger Ersatz für die leibhafte Gemeinschaft von Christenmenschen. In einer Kirche singt und betet es sich anders. Und die Eucharistie ist an physische Anwesenheit gebunden. Sie haben recht: Ein vollwertiger Gottesdienst ist so eine Fernsehübertragung nicht. Doch viele sind glücklich über diesen dürftigen Ersatz. Sie bleiben nicht ganz ausgeschlossen. Sie können an ihre Erinnerungen anknüpfen. Und sie konnten am letzten Donnerstag leise schmunzeln über so viel heilige Narretei im gelben Sack.

Erschienen in:
Ausgabe 24/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Medien