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Haltung, bitte!

Moralische Fantasie

Aus: Ausgabe 26/2013

„Überall wird die große Hilfsbereitschaft der Deutschen angesichts der Flut gelobt. Aber was ist bei den großen Flutkatastrophen in Bangladesch und anderen Ländern, wo Zigtausende Menschen ertranken? Das ist den deutschen Medien nur eine kleine Meldung wert. Ist das Elend des eigenen Volkes wichtiger?“ Sybille G.; Potsdam

Mitleid mit den Fernen braucht mehr Fantasie als Mitleid mit den Nächsten, hat ein großer Essayist geschrieben. Wenn Altstädte unter Wasser stehen, die vor Kurzem noch Ausflugsziel waren, wenn Menschen bis zur Hüfte in ihren überschwemmten Wohnzimmern stehen, die genauso aussehen wie das, in dem man selbst gerade bei einem kühlen Bierchen die Fernsehbilder sieht, ist die eigene Vorstellungskraft leicht angeregt. Das könnte mein Haus sein, meine Stadt, meine Katastrophe.

Viele Menschen kennen jemanden, der jemanden kennt, der viel oder alles verloren hat. Das bewegt. Die, deren Hab und Gut trocken geblieben sind, sind Davongekommene. Deshalb verschieben Studenten das Partywochenende in Berlin, um Sandsäcke zu füllen. Deshalb packen Handwerker Werkzeug und Auszubildende in den Wagen, um an Ort und Stelle zu helfen. Deshalb kommen innerhalb von Stunden viele Millionen Euro für die Flutopfer zusammen. Ein Wärmestrom der Solidarität fließt durch Deutschland, der gar nicht zu der Diagnose der erkalteten Gesellschaft passen will.

Wir können mehr. Aber unsere Fantasie scheint angesichts der Katastrophen aus fernen Ländern oft nicht zu reichen. Nur schwer werden aus Fernsten Nächste. Schon bei den Flutopfern jenseits der Donau bleibt oft nur Achselzucken. Das Gefühl, dass es auch uns hätte treffen können, verkümmert. Moralgefühl und Hilfsbedürfnis haben oft einen kleinen Radius.

Aber wenn Menschen aus dem Ruhrgebiet zu wildfremden Menschen nach Sachsen reisen und ihren Jahresurlaub opfern, um bei den Aufräum?arbeiten zu helfen, zeigt das auch, dass Fantasie wachsen kann. Denn wer nah und wer fern ist, das ist fürs Moralgefühl keine Frage der Kilometer. Wenn die moralische Fantasie über Bundeslandgrenzen gehen kann, dann kann sie über weitere Grenzen gehen. Vielleicht rücken die nächsten Katastrophenbilder aus fernen Ländern uns zukünftig näher, weil wir uns erinnern, dass wir mehr können.

Erschienen in:
Ausgabe 26/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Innenpolitik, Außenpolitik, Ethik, Tod, Wirtschaft