Notizen für die Ewigkeit
Moralische Duftmarke
Aus: Ausgabe 48/2011
Italiens oberster Laie wird Mitglied im Kabinett von Mario Monti.
Priester dürfen nicht in die Politik einsteigen, aber Laien sollen es. Diese Aufgabentrennung ist gute Praxis in der katholischen Kirche. In der neuen Regierung von Mario Monti hat nun der prominenteste Laie Italiens ein Ministeramt abbekommen. Andrea Riccardi, Gründer der katholischen Basisgemeinschaft Sant’Egidio, übernimmt das Ruder für internationale Zusammenarbeit und Integration. Riccardi ist ein Mann mit vielen Talenten. Im zivilen Beruf lehrt der 61-jährige Junggeselle Kirchengeschichte an der Universität Roma Tre. Obwohl katholisch bis ins Mark, denkt er in politischen Kategorien. Frömmigkeit allein genügt ihm nicht. 1968 trommelte Riccardi, damals noch Schüler, eine Gruppe von Katholiken zusammen, die mit römischen Unterschichtfamilien im Arbeiterviertel Trastevere das Evangelium lasen. Sant’Egidio war geboren. Die christliche Botschaft ist bis heute der Treibstoff der Gemeinschaft. Jeden Abend um halb neun wird eine Messe mit eigenen liturgischen Gesängen in der Basilika Santa Maria in Trastevere gefeiert. Dann geht man hinaus und stiftet Frieden.
In kriegsverwüsteten afrikanischen Ländern wie Mosambik vermitteln Leute von Sant’Egidio Waffenstillstände, die halten. In Europa treiben sie die Ökumene und den Dialog der Religionen voran. Und in Rom kümmern sie sich um Obdachlose und illegale Migranten, die tags zuvor halb tot auf Lampedusa strandeten. 15?000 Freiwillige allein in Rom helfen mit. Sie geben in der Suppenküche Essen aus, haben stets ein offenes Ohr oder begleiten Asylbewerber aufs Amt. Eine NGO mit einwandfrei christlicher Inspiration. Manche sprechen auch von der „Uno von Trastevere“.
Im öffentlichen Leben Italiens ist Riccardi seit Jahren so präsent wie erfolgreich. Sant’Egidio hat 2009 als eine von vielen Auszeichnungen den Karlspreis zu Aachen eingeheimst und war für den Friedensnobelpreis im Gespräch. Das ruft Neider auf den Plan. Ein namhafter Vatikanreporter will aufgedeckt haben, dass Sant’Egidio einige Ehrenamtliche zu Ehen mit ihresgleichen gezwungen habe. Überhaupt, schreibt Sandro Magister vom „L’Espresso“, sei die katholische Gruppe „so undurchsichtig wie das Opus Dei“. Andere, ebenfalls dem linken Spektrum nahe stehende Medien beschreiben Sant’Egidio als internationales diplomatisches Netzwerk, das sogar das vatikanische Staatssekretariat in den Schatten stellt. Wahr ist, dass Ehrenamtliche von Sant’Egidio in 70 Ländern der Welt wirken. Sie sind gut informiert, weil sie nicht nur mit den kleinen Leuten reden, sondern auch mit der zweiten Reihe der lokalen Politik. Riccardi hat überdies eine Nase für aktuelle Entwicklungen. Während der Vatikan zögerte mit Stellungnahmen zum arabischen Frühling, lud der Professor schon den libyschen Übergangsrat zu Gesprächen nach Rom. Das alles findet die ausdrückliche Billigung des Papstes.
Niemand bezweifelt, dass Italiens Flüchtlingspolitik mehr Herz braucht als unter Berlusconi. Riccardi übernimmt ein Ministerium „ohne Portefeuille“, das heißt ohne Budget. Aber gerade ohne Geldbörse lassen sich in der Politik jene moralischen Duftmarken setzen, die das Land unter Berlusconi auf atemberaubende Weise vermissen ließ: Italien stank. Riccardi tritt an, den diskreten Geruch des katholischen Laienstandes zu verströmen.





