Eurokrise
Mit Gier und Gottvertrauen
Aus: Ausgabe 27/2012
Die Börsen sind nervös, doch wie sie beruhigen? Europas Regierungen zittern vor der Bestie namens Markt. Präsidenten und Minister bringen Opfer, um das unberechenbare Tier milde zu stimmen. Ein Abgesang auf den Homo oeconomicus

Die Finanzmärkte sind schwerst erziehbar. Glaubt man Merkel, Schäuble und Co., sind sie ständig nervös, werden sie nicht beruhigt, bringen sie Unheil über uns alle. Kein Tag, an dem nicht irgendein Wirtschaftsweiser fordert, endlich damit zu beginnen, das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Doch nichts scheint zu helfen: Egal, wie groß der Rettungsschirm ist, Europa steht im Regen. Egal, was der Fiskalpakt verspricht, immer ist es zu wenig. Ja, was will er nur, der Markt?, fragen sich nicht nur die Mächtigen. Warum gibt er keine Ruhe? Wie ein hyperaktiver Dreijähriger scheint er nach kurzer Prüfung alles gegen die Wand zu schmeißen, was ihm zur Vertrauensbildung in Reichweite geschoben wird. Als sei er verliebt in die Zerstörung, das Chaos, den Thrill des Untergangs.
So tickt der Markt nicht, denken Sie jetzt vielleicht. Denn wir Menschen ticken so nicht, und sind wir alle zusammen nicht letztendlich der Markt? Für den Soziologen Ralf Dahrendorf besteht der aus lauter Homo oeconomicussen, aus durchrationalisierten Wesen also, die nur den eigenen Vorteil im Blick haben. Laut dem Moralphilosophen Adam Smith schwebt über uns die „unsichtbare Hand“ des Marktes: Sie verwandelt die Selbstsucht des Einzelnen in den Gewinn aller. So in etwa lautet das Glaubensbekenntnis der modernen Volkswirtschaft. Leider hat es einen Haken, es funktioniert momentan hinten und vorne oder besser oben und unten nicht.
Zuerst oben: Da wacht angeblich Smiths berühmte „unsichtbare Hand“. Doch hat sich Smith, Säulenheiliger der modernen Volkswirtschaft, diese Hand, wie der Berliner Kulturwissenschaftler Josef Vogl in seinem Buch „Das Gespenst des Kapitals“ schreibt, bei den Scholastikern des Mittelalters ausgeborgt. Die sahen in der Natur und nicht in so etwas Profanem wie Geld und Profit die „manus gubernatoris“ oder kurz: die Hand Gottes am Werk. So rational kann der Markt also nicht sein, wenn der Mensch an seinen Vorteil denkt und Gott ihn dann zum Guten lenkt. Die Volkswirtschaft mit ihrem Zwang zur Analyse und Prognose stößt demnach immer irgendwann an die Grenze des Unvorhersagbaren, des Irrationalen. So hat sie trotz eines enormen empirischen Aufwands die Finanzkrise und ihre Folgen nicht vorhersehen können. Haben also am Ende die Protestanten recht, wenn sie sagen, Profit sei gottgefällig? Warum aber hat Gott uns dann verlassen, als wir richtig schön gierig waren, in der Zeit vor der Finanzkrise, als überall Immobilien- und sonstige Blasen entstanden? Die machten aus der Finanz- die Banken-, aus der Banken- die Staatsschulden- und aus der Staatsschulden- die Eurokrise. Warum nur hat der Herr im Himmel beschlossen, da seine unsichtbare Hand in den Schoß zu legen?
Vielleicht läuft ja hier unten etwas falsch, hier bei uns Homo oeconomicussen. Ehrlich: Wie viele Menschen kennen Sie, die jede ihrer Entscheidungen nach Kosten-Nutzen-Erwägungen treffen? Auch wenn es für manchen Volkswirt jetzt ein großer Schock sein mag: Manchmal handeln Menschen tatsächlich, ohne zu denken. Die Verhaltensökonomie, ein noch recht neuer Spezialbereich der Wirtschaftswissenschaften, hat das erkannt und ein neues Menschenbild ausgerufen: Homer Simpson. Wie der gelbe Comic-Familienvater wissen wir von den meisten Dingen wenig und wollen davon auch nichts wissen. Wir widersprechen uns ständig, entscheiden meist aus dem Bauch heraus, sind leicht beeinflussbar und sehnen uns insgeheim vor allem nach Essen, Trinken und ein wenig Liebe.
So begründete etwa Robert J. Shiller, Yale-Professor und Vordenker der Verhaltensökonomie, im Jahr 2000 bereits das Entstehen der Dotcom-Blase mit einem kollektiven „irrationalen Überschwang“. Demnach folgen Menschen nur allzu gerne der „Mehrheitsmeinung, auch wenn sie allen offensichtlichen Fakten widerspricht“. Es gibt aber auch eine irrationale Panik: Glaubt die Marktmehrheit etwa, dass Griechenland uns in den Abgrund reißt, selbst wenn die Griechen alle an sie gestellten Sparauflagen erfüllen, gäbe es keine Rettung für das Land – ganz egal, ob der Markt sich damit selbst schadet oder nicht. Schlimmer noch: Ist der Glauben an die „unsichtbare Hand“ des Guten gewichen, beginnt man wieder, an das grausame Schicksal zu glauben: Demnach ist es das Schicksal Griechenlands, ausgestoßen zu werden aus der Gemeinschaft. Nur wenn ein Mitglied geopfert wird, so der Glaube, können wir vielleicht überleben – wir und der Euro.
Es sind die Märkte, diese höheren Wesen, die wir verehren, die heute zu entscheiden scheinen, was Schicksal ist und was nicht. Weil letztendlich doch keiner vorhersagen kann, wie die Märkte reagieren, versuchen sich Politiker und sogenannte Experten in sie hineinzufühlen. Sie werden zu Sehern, die aus Statistiken und Balkendiagrammen die Zukunft lesen wie aus Eingeweiden. Was stimmt die Märkte milde, was muss getan, wer geopfert werden, damit uns allen der Himmel nicht auf den Kopf fällt? Natürlich sind die Märkte keine Götter. Sie sind menschengemacht. Sie bestehen aus Menschen. Jeder, der ein Konto bei der Bank hat, gehört zum Markt, auch wenn er vom Marktgeschehen meist relativ wenig weiß und wissen will. Für den Einzelnen ist dieses Geschehen auch schwer durchschaubar. Es ist wie das Wetter, kaum vorhersehbar. Deshalb lächeln wir, wenn die Sonne scheint, und zittern, wenn es donnert. Der Dax-Pfeil ist unser Stimmungsbarometer. Zeigt er nach oben, fühlen wir uns reich und stark. Dann ist alles heiter. Viel mehr ist da nicht.
Oder doch, eins noch: Was, wenn Adam Smiths „unsichtbare Hand“ träge in Gottes oder wessen Schoß auch immer liegt, weil sie darauf wartet, dass wir unsere Profite endlich ausschöpfen? Schließlich kann man sich auch selber helfen, indem man anderen hilft. Würden die Märkte sich etwa beruhigen, wenn man seine Solidarität mit Europa dadurch beweist, dass man ein europäisches Land und seine Menschen in die Pleite entlässt, nur weil die Politiker dieses Landes Fehler machten, die die Politiker anderer Länder lange wissend übersahen? Warum sollte die unsichtbare Hand da helfend eingreifen? Außerdem, wer anderen hilft, lebt glücklicher. Diese Botschaft ist so einfach, die begreift sogar Homer Simpson.





