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Haltung, bitte!

Mit der Seele hören

Aus: Ausgabe 18/2014

„Seit einigen Monaten nehme ich meinen alten Vater sonntags in den Gottesdienst mit. Er ist über 90, dement und schläft deshalb regelmäßig ein, manchmal auch mit ein paar Schnarchgeräuschen. Nun kam jemand vom Gemeinderat auf mich zu und meinte, ein Gottesdienst sei keine Schlafstätte und mein Vater wäre zu Hause bei einem Fernseh- oder Radiogottesdienst besser aufgehoben. Ich finde das ziemlich verletzend, habe aber auch keine Argumente parat. Können Sie mir helfen?“ Susanne K., Nürnberg

„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“, heißt es in einem Psalm. Die Gaben Gottes sind offenbar nicht mit Wachheit, Konzentrationsvermögen oder aktiver Gottesdienstteilnahme mit engagiertem Blättern in Liederbüchern verbunden. Natürlich kommt der Glaube aus dem Hören, es sind aber nicht die angespitzten Ohren von leistungsfähigen Christenmenschen in den besten Lebensjahren und ohne Hörhilfe gemeint, sondern die innere Bereitschaft, sich anrühren zu lassen. Diese Bereitschaft haben Sie für Ihren Vater stellvertretend übernommen. Offenbar tut der Gottesdienstbesuch ihm gut und Ihnen hoffentlich auch.

Natürlich ist es schön, wenn man das Wort der Geistlichen vorne am Altar auch versteht. Eine Predigt braucht aufmerksame Hörerinnen und Hörer, eine Gemeinde aktive Sänger. Aber ein Gottesdienst ist so viel mehr als das, was ein heller Verstand erfasst. Die Musik und der Gesang wirken in andere Schichten des Menschen, als der Verstand erfassen kann. Martin Luther nannte sie eine geistliche Medizin.

Die Menschen, die Gemeinde bilden, erzeugen einen Resonanzraum eigener Art. In den alten Kirchenmauern hängen die Gebete von Generationen. Deshalb gilt der Kirchenschlaf im Volksmund sogar als gesund. Wo kann man gelassener einnicken als im Haus Gottes, umgeben von Glaube, Liebe und Hoffnung? Rundfunk- und Fernsehgottesdienste haben ihr eigenes Recht und bedürfen einer eigenen Kunst, gerade weil die körperliche Präsenz, weil Nebengeräusche und Nebengerüche ebenso fehlen wie der Geschmack von Brot und Wein beim Abendmahl. Wenn es in der Abendmahlsliturgie heißt: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“, dann ist das durchaus buchstäblich gemeint. Vielleicht muss die engagierte Kirchenhüterin daran einmal erinnert werden.

Erschienen in:
Ausgabe 18/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Familie, Ethik, Lebensstil