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Haltung, bitte!

Memento mori

Aus: Ausgabe 26/2014

"seit Tagen ist die Presse voll von Artikeln ├╝ber den verstorbenen Publizisten Frank Schirrmacher. Vermutlich war er ein gro├čer Mann, aber ist das nicht ├╝bertrieben? Er war ja nicht der Bundeskanzler." Gregor F., bei Freiburg

Der Tod ist ein gro├čer Gleichmacher. Er unterscheidet nicht zwischen Bundeskanzlern, Herausgebern gro├čer Wochenzeitungen, einer jungen Mutter oder einem Mann, der auf einem Boot im Mittelmeer ertrinkt. Nur die, die ├╝berleben, die nahen und fernen Freunde, die Trauernden und Wegbegleiter, machen einen Unterschied. Die einen denken still an die, die zu fr├╝h gegangen ist. Andere m├╝ssen immer wieder von ihm erz├Ąhlen, von den letzten Begegnungen, von den letzten Worten. Manche Menschen werden nicht einmal vermisst. Die Kollegen und Freundinnen von Frank Schirrmacher sind von der schreibenden Zunft.

Das ist ihr Beruf und ihre Leidenschaft. Deshalb schreiben sie ÔÇô nat├╝rlich um an einen Intellektuellen und Journalisten und seine gro├čen Leistungen zu erinnern, aber auch, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. Warum sollte das ├Âffentliche Nachdenken ├╝ber einen Mann des Wortes weniger Zeilen wert sein als der Tod eines gro├čen Staatslenkers! Die vielen Weggef├Ąhrten schreiben aber auch gegen die Fassungslosigkeit. Deshalb lesen wir, wo der Publizist gerne a├č, wie er mit Kindern war und dass er seine Frau geliebt hat. Der letzte Tweet, die letzten Gedanken beim Kaffee ÔÇô Worte, die wie abgerissene Verbindungskabel in der Luft h├Ąngen. Wir lesen nicht nur von den wegweisenden Gedanken.

Manches wird auch nicht erz├Ąhlt. ÔÇ×Wir schreiben und z├Ąhlen heimlich die eigenen LebensjahreÔÇť, gab vor ein paar Tagen ein Journalist zu. Der Tod eines einflussreichen Publizisten ist ein gro├čes Memento mori f├╝r die, die sich mit B├╝chern, Kunstwerken und Artikeln zu verewigen suchen. ÔÇ×Bedenke, dass du sterben musst. Auf dass du klug werdest.ÔÇť F├╝r ein paar Wochen ist der Tod nicht irgendwo da drau├čen. Er lauert in den Redaktionen selbst. Vielleicht machen diese Wochen auch sensibler f├╝r das anonyme Sterben in der Welt, das viel zu oft nicht einmal eine Randnotiz wert ist.

Erschienen in:
Ausgabe 26/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Innenpolitik, Tod