Der Atheist, der was vermisst
Mein Vater, das Kind
Aus: Ausgabe 03/2012
Martin Ahrends erzählt, wie es war, als sein Vater, der Professor, ein Pflegefall wurde.

Vater habe jetzt die intellektuellen Fähigkeiten eines Fünfjährigen, sagt mir der zuständige Neurologe ganz ungerührt. Und dass die Heilungschancen sehr zweifelhaft wären. In zehn Tagen müssen sie ihn entlassen, das verlangt die Krankenkasse in diesem eher hoffnungslosen Fall, bis dahin muss eine Entscheidung über seinen Verbleib und die Vormundschaft getroffen werden. Ob ich denn bereit wäre, die Vormundschaft zu übernehmen. Ich verstehe nur Bahnhof. Wie bitte? Vater wird nicht wieder gesund, er bleibt ein Pflegefall? Und wenn die Dinge so stehen, warum erzählt er mir das? Offenbar hält er mich für zuständig.
Und, oh Himmel, ich bin es wirklich. Ich bin jetzt zuständig für den Herrn Professor, der seine Lage noch lange nicht eingesehen hat, der noch so gern unterrichten würde in seiner neu bezogenen Dachwohnung und in seinem neuen Saab Cabrio an die Ostsee fahren und mit seinem guten alten Kreuzer nach Bornholm segeln. Für meinen feschen Vater, der sein fesches Leben bis zu seinem Sturz ganz gut ohne mich leben konnte. Wie war denn das gelaufen in den letzten Jahren? War er nicht bis über beide Ohren verschuldet? Hatte er nicht mit einer seiner Studentinnen zusammengelebt und ein Kind mit ihr, einen selbst gezeugten Enkel, sozusagen? – Als meine abfälligen Sätze enden, kommt etwas anderes zum Vorschein: eine unbändige Freude, dass er nun ganz mir gegeben sein wird. Ich brauche mich nur neben ihn zu setzen und meine Hand auf seinen Rücken zu legen. Mein Vater ist erreichbar jetzt.
In den nächsten Tagen habe ich viel zu lernen. Zwischen meinen hastigen Visiten bei ihm begebe ich mich zur Schuldnerberatung und lerne etwas über Erlassschreiben und Mindestrückbehalte und eidesstattliche Erklärungen… Und klappere die Seniorenresidenzen ab. Dabei habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ich dürfte ihn nicht abschieben, müsste ihn bei uns aufnehmen, müsste mich damit in der Familie durchsetzen und jedem einzelnen Familienmitglied ein Stück dieser Arbeit aufhalsen. Aber ich lasse mich von meinen Horrorszenarien abschrecken: von den Bildern eines inkontinenten, verwirren Diabetikers, der im ganzen Haus seine Spuren hinterlässt, wenn er Tag und Nacht unterwegs ist auf der Suche nach Zuckerzeug oder einem Klo oder nach seiner Vergangenheit und seiner geliebten Geige. In Wahrheit gibt es nur den einen Grund: Ich hab ihn nicht lieb genug, meinen berühmten Vater.
Ich ahne, dass ich es mir damit zu leicht mache, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, sondern auch eine Entscheidung. Für diese Entscheidung fehlt mir ein Gebot, ein „Du sollst“, das uns aufladen würde, was uns bestimmt ist. Uns Schicksalslosen, die wir den Genuss ausschlagen, den wir an der Lebensschwere zuletzt doch hätten. Die wir uns bei unseren Seelenklempnern beschweren über die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.





