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Der Atheist, der was vermisst

Mein Mutterkreuz

Aus: Ausgabe 02/2012

Von den täglichen Herausforderungen eines Familienvaters. Und noch ein Lob der Hausarbeit!

Irgendwann sind die Nerven dünn. Ich wusste nicht, wie sehr man sich verausgabt, wenn man ständig mit seinen Kindern zusammen ist. Ich dachte immer, das sei so etwas wie Urlaub. Sie streiten sich um Nichtigkeiten, sie fahren Einrad und fallen aufs Knie, sie bekleckern sich beim hastigen Trinken, sie tun nichts Falsches, Böses, Schlimmes, sie gehen mir nur entsetzlich auf die Nerven. Immer suchen sie meine Nähe, sie belästigen mich. Sie hören nicht auf, mich zu fordern als Nährer, Tröster, Ratgeber. Hausarbeit ist vielleicht das Schwerste überhaupt. Nicht das Einkaufen, Saubermachen, Kochen ist schwer, sondern nie entlassen zu sein aus der Sorge. Besorgen, versorgen, fürsorgen, sich Sorgen machen. Lauter selbst auferlegte Pflichten, die alles von einem verlangen, bei deren Erfüllung ich aber immer das Gefühl habe, nicht zu genügen.

Diese Arbeit hält uns alle am Leben. Wenn da jemand ist, der den Laden aufrechterhält, dann haben Kinder ein Zuhause, einen Ort, wo sie – auch wenn sie längst das Haus verlassen haben – für ihr ganzes Leben sicher und geborgen sind. Und sonst eben nicht. Sonst sind sie ihr Lebtag unbehaust. Wer ist denn dafür verantwortlich, wenn sie irgendwann ausflippen und Pillen einschmeißen? Ich natürlich, ich bin der Boden für sie, auf dem sie wurzeln und wachsen, guter oder schlechter Boden, das liegt ganz bei mir.

Doch ich bin auch bloß ein Jemand, der ab und zu ein Stück Lebenszeit für sich selbst haben muss, nicht mehr verfügbar für alle Eventualitäten. Manchmal hab ich mich ins Auto gesetzt und eine Kassette reingeschoben, das Haus im Blick, in der Hoffnung, man vermisst mich nicht allzu sehr: Ich musste für ein paar Minuten verschwinden von meinem 24-Stunden-Posten.

Ein Lob der Hausarbeit! Sie gilt als minderwertig, vielleicht, weil das Ergebnis so schwer erkennbar ist. Es scheint keine Arbeit zu sein, sondern so etwas Ähnliches wie gutes Wetter. Etwas Naturgegebenes. Ich bin ihre Sonne, wenn alle genervt und frustriert und gelangweilt herumhängen. Sonne zu sein kostet mich Kraft und ist für sie das Normalste von der Welt. – Was will ich denn? Das Mutterkreuz? Ich weiß doch, dass für die wichtigen Dinge nicht bezahlt werden darf, weil man sie sonst verkaufen könnte. In der Küche der Großeltern hingen ein Heiligenbild und ein Kreuz. Ich suche meine Küchenwände ab nach etwas, woran ich mich halten kann.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2012
Redakteur:
Martin Ahrends (Schriftsteller)
Thema:
Der Atheist
Stichworte:
Familie, Lebensstil